Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) hat den "Kindernotstand" proklamiert In diesem Zusammenhang sagte der SPD-Vorsitzende und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt in einer Rede in Genf:

"Die Notlage von Millionen Kindern dieser Erde bedeutet eine Herausforderung ohne geschichtliche Parallele für die Wertvorstellungen aller Länder; nicht nur der Industriestaaten, sondern auch der Entwicklungsländer, und besonders derjenigen, die über Öl- und das bedeutet heute: viel Kapital – verfügen ... Wir müssen uns doch fragen lassen, mit welchem Recht ein zweijähriges Kind etwa im Tchad verhungern muß, ein gleichaltriges jedoch bei uns in Europa in eine verhältnismäßig sichere Zukunft hineinwachsen kann ... Mehr als 15 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind in den Entwicklungsländern jährlich zum Tode verurteilt. Die Industriestaaten weisen eine 35mal niedrigere Sterberate... auf...

Wir brauchen ein Sensorium für die unglaublichen sozialen Gegensätze dieser Menschheit, eine Einfühlungsgabe, die über den zufriedenen Gesichtern unserer zumeist wohlentwickelten Kinder die ausgemergelten Häufchen Elend in einem anderen Teil dieser Welt nicht vergißt...

Es gibt auch ermutigende Hinweise. So war UNICEF zum Beispiel in Äthiopien daran beteiligt, eine proteinreiche Kleinkindernahrung zu entwickeln. Solche Beispiele zeigen uns: im Kampf gegen den Hunger lassen sich auch heute durchaus Teilerfolge erzielen ... UNICEF gebührt bei diesem Kampf jede nur mögliche Hilfe und Unterstützung. Dies sage ich nicht allein an die Adresse der Regierungen, sondern vor allem auch an die Adresse der vielen Einzelnen und der freiwilligen Gemeinschaften, von denen wieder einmal viel abhängt. Es gibt keine Entschuldigung, nicht zu helfen!

Ich möchte aber noch einmal unterstreichen, daß wir uns mit einer Art von Weltkollekte für hungernde Kinder auf Dauer nicht zufriedengeben dürfen. Hilfe von außen kann nur Hilfe zur Selbsthilfe sein, nicht Abnahme von Verantwortung in den Hungerländern. Was in den Entwicklungsländern selbst zu geschehen hat, ist gewiß nicht weniger wichtig, als was die Industrieländer tun sollen und können ...

Ich will nur darum bitten, angesichts des Hungers in der Welt den Ausgleich von Eigeninteressen und Barmherzigkeit als eine ethische Aufgabe dieser Generation zu begreifen, deren Lösung vermutlich einer historischen Weichenstellung gleichkommt."