Von Dieter Buhl

Journalisten schreiben nicht für die Ewigkeit, sondern für den Tag. Und auch wo sie in die Vergangenheit zurückgreifen oder den Blick in die Zukunft wagen – wirken wollen sie heute. Nur selten bleibt, was sie geschrieben haben, vor rascher Vergänglichkeit bewahrt. Walter Lippmann, der am vergangenen Samstag im Alter von 85 Jahren in New York starb, war einer der wenigen aus dem Journalismus, die sich darum nie zu sorgen brauchten. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende, ein publizistisches Denkmal, gefeit gegen die Erosion des Vergessens.

"Publizistisches Gewissen der Vereinigten Staaten", "größter politischer Denker Amerikas im 20. Jahrhundert", "Praeceptor Americae" – mit solchen Lobpreisungen wurde Lippmann überschüttet. Sein 70. und sein 80. Geburtstag, der Weggang aus Washington, wo er eine Generation lang eine Institution gewesen war, gaben Anlaß zu Würdigungen, wie sie keinem anderen Publizisten seiner Zeit vergönnt waren. Der Ruf, ein Staatsmann unter den Journalisten zu sein, der Respekt, den ihm die Leser von Kansas City bis Kopenhagen oder Quito entgegenbrachten, die Achtung der Regierenden in Washington und vielen anderen Hauptstädten der Welt – Lippmann fiel dies alles zu, aber er hat hart dafür gearbeitet.

Voraussetzung des Erfolges waren ungeheurer Fleiß und strenge Disziplin. Lippmann hat unter dem Titel "Heute und morgen" 4000 Kolumnen für die New York Herald Tribune und danach für die Washington Post verfaßt, Tausende von Artikeln für andere Blätter und 22. Bücher publiziert. Er hat, wie die statistikbesessenen Amerikaner errechnet haben, über elf Millionen Wörter (mehr als 30 000 Schreibmaschinenseiten) geschrieben – der gewaltige, fast erschreckende Ertrag eines langen Journalistenlebens.

Gewiß, es gibt noch produktivere Wort-Millionäre unter den Journalisten, Aber was Lippmann morgens von 9 bis 12 Uhr in der Stille seines Washingtoner Studios zu Papier brachte, waren nicht vordergründige Tagesbetrachtungen, nicht Wegwerf-Kommentare, zum schnellen Konsum bestimmt. Seine Kolumnen, die Hunderte von amerikanischen und ausländischen Zeitungen nachdruckten, gründeten auf historischem Wissen, philosophischer Weisheit und moralischer Autorität.

Lippmann war eine Ausnahmeerscheinung, ein Mann profunder Bildung, die durch Harvard und sein großbürgerliches, deutsch-jüdisches Elternhaus in New York geprägt war. Von den meisten seiner Kollegen unterschied ihn dies: Distanz zu den Ereignissen. Die Hast der Konkurrenz plagte ihn nicht. "Ich habe Zeit", sagte er einmal, "ich bin kein Reporter." Kein alltägliches Motto für Journalisten, und schon gar nicht in einem Land, wo die Exklusivnachricht, der scoop, als das erstrebenswerteste journalistische Ziel gilt.

Aber Lippmann war selbst in seinen journalistischen Lehrjahren nie ein Nachrichtenjäger gewesen. Ihm war es seit Beginn seiner Karriere bei der linksliberalen Zeitschrift New Republic darum gegangen, politische Ereignisse und Entwicklungen in historische Bezüge und moralische Kategorien einzuordnen.