Husum

Gerhard Stoltenberg erlebte ein völlig neues Parteitagsgefühl. Der unumstrittene Führer der schleswig-holsteinischen CDU mußte auf dem Husumer Programmparteitag am vergangenen Wochenende eine empfindliche Schlappe einstecken. Trotz eines beschwörenden und eindringlichen Appells an seine Parteifreunde gelang es ihm nicht, "das Schlimmste zu verhüten": Die CDU des nördlichsten Bundeslandes wird mit der programmatischen Forderung in den Landtagswahlkampf gehen, zur Wahrung der Rechte der Arbeitnehmer seien "Arbeitnehmerkammern" einzurichten.

Die knappe Mehrheit von 106 gegen 98 Stimmen kam selbst für den Antragsteller etwas überraschend. Eberhard Dall’asta, Vorsitzender der Sozialausschüsse und vor zwei Wochen bei der Kandidatur um einen vorderen Union-Listenplatz zweimal abgeschmettert, triumphierte: "Wir haben jetzt einen Fuß in der Tür."

In der Tat haben die Sozialausschüsse mit starker Hilfe der Jungen Union auf Grund dieses Beschlusses dem Schleswig-Holstein-Programm der CDU noch einen Hauch von Progressivität verliehen. Stoltenberg braucht deshalb über seine persönliche Niederlage nicht allzu traurig zu sein. Diese Konzession an die Arbeitnehmerschaft übertüncht den oft gehörten Vorwurf, die CDU richte sich nur an den Interessen der Unternehmer aus.

Für die Sozialausschüsse, die bei der Kandidatenaufstellung so schlecht weggekommen waren, bedeutet dies neben dem politischen Achtungserfolg das innerparteiliche Signal zum Stillhalten. Ihr Sprecher Dall’asta: "Überkommene Vorurteile in einzelnen Teilen der CDU sind jetzt abgebaut worden."

Ein sich anbahnender Eklat wurde in Husum noch einmal abgewendet. Die christlich-demokratischen Arbeitnehmer waren, wie es einer von ihnen vor der Sitzung formulierte, "mit dem offenen Messer in der Tasche" nach Husum gekommen. Doch die Wiedergutmachung der Basis hat den inneren Frieden wieder hergestellt. Ob er über den Wahltag im April 1975 hinaus hält, bleibt abzuwarten. Rainer Burchardt