Von Hellmut Becker

Ein großer deutscher Erzieher, Kurt Hahn, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit seinem Tod ist ein aufregendes, leidenschaftliches Leben zu Ende gegangen, das in der Geschichte der deutschen Erziehung ohne Vorbild war und wohl auch ohne Nachfolge bleiben wird. Die Entwicklung der Erziehung in Deutschland ist von einfallsreichen Theoretikern und erfahrenen Praktikern bestimmt; einfallsreiche Praktiker waren selten, Kurt Hahn war einer von ihnen.

Schon sein äußerer Erfolg war außergewöhnlich. Im Alter von 34 Jahren gründete er 1920 das Landerziehungsheim Schule Schloß Salem. Im Unterschied zu den im Zuge der pädagogischen Bewegung entstandenen Landerziehungsheimen Hermann Lietzscher Prägung eine bewußt politische Gründung. 1933 mußte Hahn im Alter von 47 Jahren nach England emigrieren und gründete dort im klassischen Land der Internatsschulen ein neues Internat, Gordonstoun, das schnell in erfolgreichen Wettbewerb zu den großen englischen Internatsschulen wie Eton und Harrow trat. Es folgte die Gründung der Outward Bound Schools (in Deutschland Kurzschulen genannt), die es heute in der ganzen Welt gibt, nicht nur in Deutschland und England, sondern auch in Australien, Kanada, Nigeria, Kenia, Malaya, Holland, den USA und in anderen Ländern. Dort werden in vierwöchigen Kursen junge Leute aller Schichten im Rettungsdienst auf See und im Gebirge ausgebildet; sie sammeln in größeren Expeditionen und in gemeinsamen sozialen Handlungen Erfahrungen in einem Alter (16 bis 18), in dem solche Erfahrungen für das Leben bestimmend sein können.

Es folgte die Gründung der an Gordonstoun orientierten Internatsschule Anavryta in Griechenland. 1960, im Alter von 74, entwarf Hahn den Gedanken des Atlantic College (heute World Colleges genannt), Internatsschulen der internationalen Verständigung für die letzten zwei Jahre der Höheren Schule. Heute beteiligen sich vierzig Nationen an diesen Schulen. Die drei ersten Modelle arbeiten erfolgreich in Wales, wo Hahn beim Aufbau noch selbst mitwirkte, in Singapur und Kanada. Gründungen in der Bundesrepublik und in Italien sind in Vorbereitung.

In Deutschland hat Hahn die Errichtung zweier weiterer bekannter Internatsschulen angeregt und ihre Gründung möglich gemacht, das Landerziehungsheim Birklehof im Schwarzwald 1931 und das Landerziehungsheim Louisenlund in Schleswig-Holstein 1954. Salem und Gordonstoun hat er selber lange geleitet, die anderen Schulen entworfen und besucht und immer wieder mit seinen Gedanken weiterentwickelt. Alles zusammen kein Schulimperium, aber eine internationale Schulrepublik, die ihresgleichen nicht besitzt.

Es ist hier nicht der Ort, die ganze Diskussion Internatsschulen contra Tagesschulen, Privatschulen contra Staatsschulen oder Charakterbildung gegen intellektuelle Bildung zu wiederholen. Kurt Hahn war ein Kind seiner Zeit und benutzte die Wege, auf denen für seine Zeit in den Ländern, in denen er wirkte, pädagogische Innovation am besten möglich war. Er wußte, daß man den Charakter nicht an eigens geschaffenen Institutionen, sondern an theoretischen und praktischen Aufgaben bildet.

Sein erzieherisches Engagement begann schon früh und nicht zufällig in England. Aber seine ersten aktiven Leistungen waren politisch. Wegen mehrerer Gehirnoperationen nicht kriegsdiensttauglich, trat der 28jährige 1914 in das Auswärtige Amt ein. Seine Beurteilung der Lage in England war so vorzüglich, daß führende Politiker und Wissenschaftler schnell auf ihn aufmerksam wurden, so daß er 1917 zum nächsten Mitarbeiter des Obersten von Haeften, des politischen Beraters Ludendorffs, avancierte. Damit geriet er politisch ins unmittelbare Zentrum der Macht, und es war nur folgerichtig, daß er 1918 Privatsekretär des letzten kaiserlichen deutschen Reichskanzlers, des Prinzen Max von Baden, wurde. Auch in Versailles war er als Berater der deutschen Delegation dabei; Golo Mann hat seine politische Tätigkeit sorgfältig nachgezeichnet.