Du – "du lebst jetzt noch dein leichtes, sorgloses Kinderleben. Wenn du erst mal erwachsen bist und berufstätig, wirst du das schon noch begreifen."

Man kennt solche Sätze aus dem Munde von Eltern, die, sobald ihre Kinder zu widersprechen wagen, sie mundtot machen mit dem drohenden Hinweis auf die Zukunft, auf den Ernst des Lebens. Diese Warnung vor dem Später, die ja lediglich einen Befehl zur Zufriedenheit jetzt darstellt, ist eines von zahllosen verbalen Domestikationsritualen autoritärer Erziehung.

Der oben zitierte Satz jedoch stammt aus dem neuen Roman von –

Gabriele Wohmann: "Paulinchen war allein zu Haus", Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1974; 236 S., 24,– DM

und er ist einer Mutter in den Mund gelegt, die als entschiedene Verfechterin antiautoritärer Pädagogik auftritt.

Christa, so heißt sie, und Kurt, ein Journalistenehepaar, adoptieren das achtjährige Waisenkind Paula, um es nach allen Regeln fortschrittlicher Erziehungskunst zum Prachtkind voller Glück und Furchtlosigkeit und Lebenslust gedeihen zu lassen. Diese Regeln schreiben etwa vor, daß Eltern stets für ihre Kinder da sein, ein offenes Ohr für ihre Probleme haben sollen, und also ist Christa "pausenlos voll Interesse". In Paulas Schulferien machen die engagierten Adoptiveltern "Schichtwechsel", widmen sich "arbeitsteilig" ihrem Zögling, und auch sonst, etwa bei der Anschaffung von Büchern und Spielsachen, folgen sie den neuesten Einsichten zeitgemäßer Pädagogik. In der mit demonstrativem Geschmack eingerichteten Atelierwohnung gibt es keine verschlossenen Türen, Paula wird nicht durch Verbote eingeschüchtert, denn: "Hier herrscht die vertrauensvollste Vertrauens- und Gleichheitsbasis, die man sich vorstellen kann."

Störend bei diesem wissenschaftlich fundierten Erziehungsexperiment ist eigentlich nur die leibhaftige Existenz des Kindes, dessen Verhalten nie so recht dem Lehrbuchverhalten von Kindern schlechthin entsprechen will.