Rainer Maria Rilke schrieb 1902 über Heinrich Vogeler in der Studie "Worpswede – Monographie einer Landschaft und ihrer Maler": "Alle Märchen seines großen alten Skizzenbuchs fangen mit den Worten: ‚Es wird einmal sein...‘ an." Das war, innerhalb einer sehr präzisen, zarten Darstellung der Arbeit des Freundes (Vogeler hatte Rilke 1898 in diese Landschaft gebracht, der er kurz, aber heftig verfiel), eine präzise, prophetische Anmerkung. Es wird einmal sein: Das war das Märchen, das Heinrich Vogeler (mit 28 Jahren gerühmt wegen seiner präraffaelitisch gestimmten graphischen Blätter und bekannt als Titelblattzeichner der legendären "Insel"-Bücher) in Worpswede inszenieren wollte.

Es wird einmal sein: Als der schöne, privatistische Traum im kleinen Worpswede kaputt und die große Welt in Scherben ging, verschrieb Voge-

  • Heinrich Vogeler: "Sommerabend" (1902)

ler sich einem spröderen, kollektiven Traum. In und über dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Minnesänger des Jugendstils und Lyriker ein Propagandist des Kommunismus und Maler des Sozialistischen Realismus. Das war ein bewundernswerter Kraftakt, bei dem freilich sein spezifisches Talent, seine Kunst auf der Strecke blieb. Die Graphik Heinrich Vogelers (die besten Blätter stammen aus der frühen Worpsweder Zeit) hat Hans-Herman Rief, Betreuer des Vogeler-Nachlasses im Haus im Schluh in Worpswede, in einem sehr schönen, sorgfältig edierten Band gesammelt ("Heinrich Vogeler – Das graphische Werk"; Verlag J. H. Schmalfeldt, Bremen; 195 S., 38,– DM). Schade, daß man den Rilke-Text nicht mit abgedruckt hat. Er ist ein Stück Worpsweder Moor- und Birkenlandschaft und beschreibt gerade den Graphiker, den frühen Vogeler der verträumten Linien sehr treffend.

Petra Kipphoff