Eines der Hauptprobleme der Entwicklungsländer sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Statistiken über Arbeitslosigkeit in den Ländern der Dritten Welt sind vage Schätzungen, die nur unzulänglich eine Vorstellung von den Dimensionen des Problems vermitteln können. Ist ein Landarbeiter arbeitslos, der nur bei der Ernte eine Beschäftigung findet? Die Bewohner der ständig wachsenden Elendsviertel der großen Städte und Ballungsräume, die ständig auf der Suche nach einer Gelegenheitsarbeit sind, fallen sie unter die Rubrik arbeitslos?

Für 1980 rechnet das internationale Arbeitsamt (ILO) mit etwa 300 Millionen Menschen ohne Beschäftigung, die versteckte Arbeitslosigkeit wird noch einmal mehrere hundert Millionen Menschen treffen. Dies ist eine schlimme Perspektive, nicht nur weil menschliche Arbeitskraft ungenutzt brachliegt; Arbeitslosigkeit bedeutet menschliche Not. Sinnvolle Beschäftigung kann dagegen Initiativen wecken, Lebensbedingungen zu verbessern, und sie kann Bildung und Fähigkeiten vermitteln.

Einen industriellen Arbeitsplatz zu schaffen, kostet in der Bundesrepublik zwischen 40 000 und 60 000 Mark, oft aber auch sehr viel mehr. Eine einfache Multiplikation, auch wenn man von anderen Voraussetzungen ausgehen muß, zeigt, daß die Entwicklungsländer nicht über genügend Kapital verfügen, um die erforderlichen Arbeitsplätze zu schaffen. Auch die Industrie- und die Ölländer könnten dieses Kapital nicht bereitstellen.

In Entwicklungsländern besteht Bedarf an arbeitsintensiven Technologien, während in den Industrieländern der Trend zu immer kapitalintensiveren Technologien geht, weil menschliche Arbeitskraft knapper und teurer wird, weil Massenproduktion gleichbleibender Qualität maschinelle Automatisierung voraussetzt, schließlich auch, weil menschliche Arbeitskraft mit Unwägbarkeiten verbunden ist, die im Interesse einer gleichbleibenden Kapitalverwertung verringert werden sollen.

Die Notwendigkeit arbeitsintensiver Technologien für Entwicklungsländer zu betonen, bedeutet natürlich nicht, Produktivität und Kostenfaktoren außer Betracht zu lassen. Es geht vielmehr darum, Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen, die bei geringen Kosten vergleichbare Steigerungen des Bruttosozialprodukts erwarten lassen. Vergleichsrechnungen zwischen kapital- und arbeitsintensiven Technologien führen häufig zu dem Ergebnis, daß arbeitsintensive Technologien entweder geringere Produktivität versprechen oder höhere Kosten verursachen. Diese Vergleichsrechnungen sind aber oft unvollständig und oberflächlich. Ein häufiger Fehler ist die künstliche Verbilligung des (Devisen-)Kapitals, indem man zum Beispiel Zinssätze unseres Kapitalmarktes oder gar der Entwicklungshilfe und die künstlichen Wechselkurse zugrunde legt.

Ein noch schwerwiegenderer Fehler ist, daß diese Berechnungen die Bedeutung der Beschäftigung und Entlohnung von sonst arbeitslosen Menschen nicht genügend bewerten. Durch die Schaffung von Arbeitsplätzen werden Menschen in die Lage versetzt, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Es entsteht Kaufkraft, und zwar eine Kaufkraft, die stärker den Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht als bei der bisher vorherrschenden Konzentrierung der Kaufkraft bei einer kleinen Schicht von Reichen. Es darf auch nicht außer acht gelassen werden, daß Arbeitsplätze Bildung und Erfahrung vermitteln und daß ohne Arbeit sich keine Initiative zur Verbesserung der Lebensverhältnisse entfalten kann.

Arbeitsintensive Technologien oder Technologieverbesserungen sollten vor allem für die Arbeit in ländlichen Gebieten gesucht werden. Trotz der sprunghaft wachsenden städtischen Ballungsräume leben noch immer über 70 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern auf dem Lande. Die Theorie, daß die Entwicklung von modernen, industriellen Wachstumspolen beginnen und sich allmählich ausbreiten sollte, hat in der Praxis bisher versagt. In den Städten können nicht genug Arbeitsplätze geschaffen werden, um die vom Land zuströmenden Arbeitslosen zu beschäftigen.