Hier ist auch eine Folge des gerade in Entwicklungsländern problematischen Wachstumsdenkens in globalen Zuwachsraten des nominalen Bruttosozialprodukts spürbar. In den Ballungsräumen wird sicher ein großer Anteil des monetären Bruttosozialprodukts durch industrielle Produktion, durch Dienstleistungen und durch Handel erzeugt. Damit ist aber keineswegs ein entsprechender Lebensstandard für die Masse der Bevölkerung verbunden. Die Grundbedürfnisse Ernährung, Wohnung, Bekleidung und Gesundheit werden auf dem Lande für die meisten Menschen mit sehr viel geringeren Mitteln besser befriedigt. In einer Zeit, in der sich weltweit ein Ernährungsdefizit und irreversible Zerstörungen natürlicher Ressourcen abzeichnen, sollten alle Kräfte darauf konzentriert werden, die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen in der Dritten Welt zu bewahren.

Falsche Vorbilder

Die Bedürfnisse der Menschen in den Entwicklungsländern sind das entscheidende Kriterium, an dem sich auch die Wahl von Technologien orientieren muß. Länder mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 100 Dollar oder weniger haben nun einmal andere Kaufbedürfnisse als Westeuropa oder die USA. Dennoch werden von den Industrieländern Technologien übertragen, die an den Bedürfnissen der Mehrheit der Bevölkerung vorbeigehen. Daran sind allerdings auch herrschende Schichten in Entwicklungsländern schuld, die dem Standard der Industrieländer nacheifern wollen, sei es, weil sie von dort ihre Bildung und ihre Wertvorstellungen bezogen haben, sei es, weil sie sich den wirklichen Bedürfnissen ihres Volkes nicht verpflichtet fühlen.

Darum klingt es auch nicht immer überzeugend, wenn sich Stimmen aus Industrieländern auf den souveränen Willen der Entwicklungsländer berufen. Die Mehrzahl der in den Entwicklungsländern lebenden Menschen hat keine oder nur geringe Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse etwa durch eine am Markt wirksame Nachfrage zu artikulieren und so den Entwicklungsprozeß in ihrem Interesse zu beeinflussen. In den heutigen Industrieländern ist der Industrialisierungsprozeß von der Ausbeutung der Landwirtschaft begleitet oder vielleicht sogar durch sie erst ermöglicht worden. Dieses "Vorbild" sollte uns nicht dazu verleiten, die Entwicklungsländer heute bei völlig veränderten Verhältnissen auf einen ähnlichen Weg zu drängen.

Die Entwicklungsprobleme werden bei uns stark, um nicht zu sagen, einseitig volkswirtschaftlich betrachtet. Diese Betrachtungsweise wird um so problematischer, als sie sich dabei wiederum zu eng auf makroökonomische Daten und mathematisch formulierbare Zusammenhänge beschränkt. Entwicklung ist in der realen Wirklichkeit der Entwicklungsländer aber ein Prozeß, der mit der gesamten Fülle und Komplexität der natürlichen und sozialen Faktoren zu tun hat.

Der entscheidende Faktor im Entwicklungsprozeß ist der Mensch, seine Tradition, seine kulturellen Werte, seine Fähigkeit, neue Einsichten zu gewinnen, sich von herkömmlichen Verhaltensweisen zu lösen und seine Umwelt zu verändern. In den Industrieländern haben wir uns daran gewohnt, daß sich unsere Umwelt, unsere soziale Organisation und unsere eigene Verhaltensweise in immer kürzeren Zeiträumen verändert. Wir ibersehen, wie viele Jahrhunderte es gedauert hat, bevor die Menschen begriffen, daß es Naturgesetze gibt und daß mit ihrer Kenntnis die Umwelt systematisch verändert werden kann.

Die Menschen in den Entwicklungsländern haben diesen Lernprozeß noch vor sich. Technologien für Entwicklungsländer müssen der Träger dieses Lernprozesses sein. Die Spanne zwischen traditionellen handwerklichen Fähigkeiten und modernen Technologien ist so groß, daß sie nicht allein durch die ohnehin erst schwach entwickelte, formale Schulbildung überbrückt werden kann. Es müssen Technologien entwickelt werden, die das Einsichtsvermögen der Menschen nicht überfordern, die mit den vorhandenen Ressourcen nachgeahmt werden können und die daher auch Verbreitung finden können.