Die chinesische Strategie ist häufig kritisiert worden, weil die handwerklichen "Primitiv"-Technologien nur mittelmäßige Ergebnisse ermöglichen und später dann doch industrielle Produktionsweisen größeren Maßstabs eingeführt werden müssen. Außer Betracht bleibt dabei aber der pädagogische Effekt, die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten, vor allem aber die Vermittlung der Leistungsinitiative und der Erfahrung, daß sich durch methodisch geplante Arbeit bessere Ergebnisse erzielen lassen.

Technologien sind die Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Technologien gelten nicht abstrakt, wie Naturgesetze, sondern sie sind situationsgebundene Problemlösungen, wobei natürlich der Kranz der vorgegebenen Daten mehr oder minder variabel sein kann. Dies wird beim Transfer von Technologien häufig vernachlässigt, nicht notwendigerweise als Folge mangelnder Einsicht: Wer kaufen will, hat kein Interesse, die Begrenztheit der Verwendungsmöglichkeiten zu betonen.

In Entwicklungsländern herrschen andere klimatische Bedingungen, was zum Beispiel die Bedürfnisse und Technologien im Wohnungsbau, in der Bekleidung, in der Ernährung oder im Verkehr beeinflußt. Korrosionsanfälligkeit oder andere Materialeigenschaften gewinnen an Bedeutung. In Entwicklungsländern gibt es Rohstoffe, die in Industrieländern nicht vorhanden sind und deren Verwendbarkeit nicht ausgeschöpft worden ist. Medizinische Technologien sind in besonderem Maße von den Umweltbedingungen abhängig: unterschiedliche Krankheitsbilder, unterschiedliche Hygienestandards, unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten, unterschiedliche physische Belastbarkeit und so weiter.

Qualitätsstandards der Industrieländer sind häufig verfehlt, weil Spitzenqualitäten wegen fehlender Rahmenbedingungen nicht ausgenutzt werden können. Die Reparatur- und Wartungskapazitäten sind in Entwicklungsländern sehr viel schwächer und wenig differenziert; unschätzbares Kapital ist schon verschwendet worden, weil man Güter geliefert hat, die nicht ordnungsgemäß gewartet werden konnten.

Hierher gehört auch der Komplex der Umweltbelastung und der Zerstörung natürlicher Ressourcen. In vielen Entwicklungsländern ist die Natur besonders anfällig und gefährdet durch Eingriffe: In wüstennahen Regionen ist der Pflanzenwuchs wenig widerstandsfähig, und Schäden wegen der schnellen Erosion sind irreversibel. Bei den Versuchen, längs der Transamazonika Land urbar zu machen, ist Urwaldboden verkarstet. Bei hoher Luftfeuchtigkeit wirken sich Abgase besonders schnell aus. Wo das Wasser rar ist, gibt es nicht viel Spielraum für die Ableitung von Abwässern.

Andererseits sind die Entwicklungsländer nicht so besorgt über Umweltprobleme, wie wir es allmählich werden. Wo – wie im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan – die Menschen keine andere Verdienstmöglichkeit haben, als Holz zu schlagen, kümmern sie sich nicht darum, ob der Raubbau den Boden zerstört. Die Hungerkatastrophe in der Sahelzone ist durch Überweidung und mangelnde Naturpflege mindestens mitverursacht worden. Aber die Regierungen der Entwicklungsländer, die sich überwiegend möglichst rasches Wirtschaftswachstum zum Ziel gesetzt haben, befürchten – nicht ganz ohne Grund –, daß sie für die Umweltsünden der Industrieländer büßen sollen.

Die Umweltproblematik hat, mehr als auf den ersten Blick scheint, eng mit dem Technologietransfer zu tun. Dies gilt nicht nur für die Industrietechnologien, deren Emissionen in den Industrieländern im Mittelpunkt der Umweltschutzbemühungen stehen. Es gilt auch für Produkte. Eine Kraftfahrzeugdichte, wie wir sie heute in der Bundesrepublik haben, würde in Indien zur Smogkatastrophe führen. Vor allem aber werden wir darüber nachdenken müssen, ob es nicht erforderlich ist, in Entwicklungsländern einen aktiven Kampf gegen Erosion, gegen Versteppung, Küstenbildung und Vergiftung von Luft und Gewässern zu führen, um das ökologische Gleichgewicht der Erde insgesamt zu bewahren. Dies wäre eine neue Herausforderung an unsere technologischen Kapazitäten.