Kein Machtmittel

Wer auf die Notwendigkeit hinweist, Technologien den Bedingungen in Entwicklungsländern anzupassen, gerät leicht in den Verdacht, daß er Technologien aus Industrieländern pauschal für ungeeignet hielte. Dabei steht es völlig außer Frage, daß es zu vielen unserer Technologien keine Alternativen gibt und die Entwicklungsländer auf sie angewiesen sind. Es muß insbesondere betont werden, daß auch nach unseren Maßstäben kapitalintensive und moderne Technologien in Entwicklungsländern das optimale Mittel sein können, um in einem Schlüsselbereich Fortschritte zu erzielen. Das Entscheidende ist aber, daß die Eignung von Technologien für eine gegebene Situation in einem Entwicklungsland unter allen aus der Sicht des Entwicklungslandes relevanten Gesichtspunkten geprüft werden muß. Diese Prüfung erfolgt heute noch zu selten. Die Lobbyisten der Industrieländer benutzen alle Methoden und Kanäle, um ihren Export zu steigern, und weder die Regierungen der Entwicklungsländer noch die der Industrieländer schieben diesem "Transfer" ein ausreichendes entwicklungspolitisches Prüfraster vor.

Das Forschungsministerium kann einen Beitrag zum Technologietransfer leisten, indem es gezielt Mittel einsetzt, um neue Technologien für Probleme von Entwicklungsländern zu entwickeln oder systematisch die für Bedürfnisse in Industrieländern entwickelten Technologien auf ihre Verwendbarkeit in Entwicklungsländern zu überprüfen. Häufig genannte Beispiele sind die Vorhaben zur Entwicklung eines wirtschaftlichen Verfahrens der Meerwasserentsalzung, zur Gewinnung von Sonnenenergie, neuartige Methoden der Bekämpfung von Krankheitsviren oder der Einsatz von Satelliten für Bildungsfernsehen oder zur Rohstofferkundung.

Es gibt keine pauschalen, abstrakt anwendbaren Formeln für den optimalen Technologietransfer aus der Sicht der Entwicklungsländer. Es gibt auch eine immaterielle Seite, die sich jeder objektiven Bewertung entzieht. Worauf es mir ankommt, ist, daß der Entscheidungsprozeß über den Transfer und die Entwicklung von Technologien bewußter aus entwicklungspolitischer Sicht beeinflußt werden muß.

In den Entwicklungsländern müssen Kapazitäten aufgebaut und entwickelt werden, die sich ein unabhängigeres und aufgeklärteres Urteil über technologische Alternativen bilden können. Transfer von Technologien in Entwicklungsländern darf nicht gleichbedeutend sein mit Export unserer Produktions- und Konsumweise um jeden Preis. Forschungspolitik zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen muß auch die in Entwicklungsländern lebenden zwei Drittel der Menschheit einbeziehen. Technologie darf nicht als Machtmittel eingesetzt werden, um die Abhängigkeit und den Entwicklungsrückstand der Dritten Welt zu zementieren.