Von Klaus-Peter Schmid

Martinique, im Dezember

Auf dem Flug von Washington nach Fort-de-France war Henry Kissinger noch kategorisch. Auf die leidige Frage nach der Energiekonferenz versicherte der amerikanische Außenminister: "Wenn die Franzosen sich auf der Konferenz als Vermittler zwischen uns und der OPEC aufspielen wollen, dann können wir das auch selber erledigen." Doch schon zwei Tage später schien Kissingers Mißtrauen verflogen. Zufrieden schwärmte er vom "positivsten aller amerikanisch-französischen Treffen" und pries die "Synthese der Standpunkte".

Ohne Zweifel hat die Zusammenkunft zwischen Gerald Ford und Valéry Giscard d’Estaing einen wichtigen Fortschritt in der künftigen Energiepolitik der Ölverbraucherländer gebracht: Der von Giscard vorgeschlagenen Konferenz von Ölexporteuren, Industrieländern und Dritter Welt steht nun nichts mehr im Wege – ein Erfolg für Frankreich. Gleichzeitig hat sich Frankreich aber auch dem amerikanischen Wunsch gefügt, vor den Verhandlungen mit den Ölherren für eine geschlossene Front im Verbraucherlager zu sorgen – ein Gewinn für die Einheit des Westens.

Ein Jahr lang hatte das Tauziehen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten gedauert. Erst auf Martinique schlug die Stunde des Kompromisses. Das Problem soll nun mit einem Vierstufenplan gelöst werden. Angestrebt wird zunächst eine konzertierte Aktion im Rahmen der bereits vorhandenen Einrichtungen. Das bedeutet aber keineswegs, daß Frankreich der neuen Energiebehörde beitritt. Stolz verkündet Giscard in Fort-de-France, dies sei "weder verlangt noch vorgesehen". Und Henry Kissinger bestätigte ausdrücklich: "Die organisatorische Form der französischen Kooperation ist für uns nicht von entscheidender Bedeutung." Ihm geht es um die Substanz der Zusammenarbeit, nicht um deren äußere Form.

Als zweiter Schritt, vorgesehen für kommenden März, ist ein vorbereitendes Treffen zwischen ölverbrauchern und Produzenten vorgesehen, bei dem auch eine Tagesordnung für die endgültige Energiekonferenz beschlossen werden soll. Mit seiner Zustimmung zum dritten Schritt machte Giscard die entscheidende Konzession: Er stimmte "intensiven Konsultationen zwischen den Verbraucherländern" (also unter Einschluß der USA) zu, ehe dann vor dem nächsten Sommer als vierter Schritt die Hauptkonferenz stattfindet.

"Was will Mr. Kissinger eigentlich in Europa haben? Partner oder Domestiken?" So hatte vor einigen Monaten noch Exaußenminister Michel Jobert gefragt. Solche Töne der Konfrontation scheinen nach dem Treffen von Fort-de-France in Paris nicht mehr gefragt. Der positive Ausgang künftiger Energieverhandlungen ist damit aber noch keineswegs gesichert, nicht zuletzt aus innenpolitischen Gründen: Kaum war die französische Delegation aus der karibischen Sonne in die verregnete Metropole zurückgekehrt, da war an der Seine auch bereits davon die Rede, Paris habe übertriebene Konzessionen an die Atlantiker gemacht und seine Unabhängigkeit aufgegeben ...

Seit Charles de Gaulle 1966 seine Armee dem Natobefehl entzog und die amerikanischen Truppen aus ihren französischen Garnisonen verjagte, hatte sich das Mißtrauen zwischen Paris und Washington immer tiefer eingefressen. Dies wird sich nun langsam ändern, immerhin ein Anfang ist gemacht. Auch wenn Frankreichs Einstellung gegenüber der Nato unverändert bleibt, unterstrich doch eine demonstrative Geste die gute Absicht: Paris zahlt an die Vereinigten Staaten 100 Millionen Dollar als Entschädigung für den Hinauswurf durch de Gaulle. Ursprünglich hatte Washington die siebenfache Summe verlangt. Doch offensichtlich gedieh in Fort-de-France nicht nur Kompromißbereitschaft, sondern auch Großzügigkeit.