Für einige der Baader-Meinhof-Häftlinge, die sich im Hungerstreik befinden, besteht Lebensgefahr. Es ist nicht auszuschließen, daß nach Holger Meins noch andere Mitglieder der Gruppe sterben. Das war der Anlaß für einen ungewöhnlichen Schritt Gustav Heinemanns: Der ehemalige Bundespräsident schrieb Ulrike Meinhof einen Brief und appellierte an sie und ihre Freunde, den Hungerstreik zu beenden. Aus demselben Motiv schaltete sich der Londoner Pfarrer Paul Oestreicher als Vermittler zwischen den Gefangenen und den Behörden ein; sein Ziel ist ebenfalls die Beendigung des Hungerstreiks.

Die Gefängnismauern sind für Heinemanns Brief und für Oestreichers Mission kein Hindernis. Wohl aber ist zweifelhaft, ob es ihnen gelingen wird, jene Mauer verzweifelter Intransigenz zu durchdringen, mit der sich die Mitglieder der Terrororganisation den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Es geht bei Heinemanns Brief freilich nicht darum, daß die Gewalttaten – wie die CSU-Landesleitung vermutet – aus der Kategorie des Kriminellen herausgehoben würden. Vielmehr zielt er genau auf den Kern des politischen Verbrechens: Menschenleben, zunächst das anderer, jetzt auch das eigene, gelten nichts, sie sind nur noch Instrument im politischen Kampf – Wegwerfprodukt.

Wenn die Baader-Meinhof-Häftlinge überhaupt noch ansprechbar sind, dann vielleicht in dem Augenblick, wo sie sich die Frage stellen müssen, welchen Sinn es eigentlich hat, das eigene Leben wegzuwerfen. Offenbar haben inzwischen ja auch einige Häftlingsanwälte Zweifel an der Selbstmordstrategie. Vielleicht gelingt es Heinemann, diese Zweifel zu verstärken. Vielleicht bewirkt er auch, daß auf der anderen Seite die Bedenken sich verschärfen – gegenüber einer Meinung, wonach der Tod weiterer Häftlinge zwar traurig, aber unvermeidbar sei. Dies versucht zu haben, ist Rechtfertigung genug für Heinemanns Brief wie für Oestreichers Mittlermission. R. Z.