Von Wolf Donner

Am Anfang war nur der Titel: Chinatown.So heißen die Chinesenviertel amerikanischer Großstädte; Chinatown als Chiffre für eine geheimnisvolle Zwischenwelt, für ein undurchdringliches Terrain, in dem man sich leicht verirrt, für ein Klima exotischer Romantik und lauernder Gefahr. Und den Machern des Films schwebte Chinatown als eine Figur vor, als eine rätselhafte, anziehend-unnahbare Frau.

Der Drehbuchautor Robert Towne und der Schauspieler Jack Nicholson hatten die vage Idee, der Erfolgsproduzent Robert Evans ("Love Story", "Der Pate", "Der große Gatsby") sagte nur auf den Titel hin zu, und Roman Polanski war sofort bereit, zum erstenmal seit "Rosemaries Baby" wieder in Hollywood zu arbeiten. Der unerwartete Erfolg des Filmes gab allen recht.

Los Angeles 1937. J. J. Gittes ist ein schäbigcharmanter kleiner Privatdetektiv, der immer etwas zu schicke, zu grelle Anzüge trägt. Sein Spezialgebiet: Ehebruch; er muß Liebschaften nachschnüffeln und den betrogenen Ehepartnern die Beweise heranschaffen. Natürlich arbeitet Gittes nie mit ganz legalen Mitteln, aber er hat Erfolg, sein Geschäft floriert. Bis er plötzlich in eine Geschichte hineinstolpert, die eigentlich eine Nummer zu groß für ihn ist: eine Familientragödie, eine politische Intrige und eine wüste Korruptionsaffäre, skrupellose Spekulationen angesehener Persönlichkeiten mit der Wasserversorgung der Stadt – eine Art "Watergate mit echtem Wasser" ("Newsweek"). Gittes gefällt sich in der Rolle des großen Detektivs; die miesen Tricks, die er früher als Polizist in Chinatown gelernt hat, helfen ihm weiter, obgleich er sich viel Prügel und eine demolierte Nase einhandelt, obgleich er sich in seine Mandantin verliebt, sich immer wieder irrt und am Ende, in Chinatown, gerade dann um seinen Triumph gebracht wird, als er alles zu durchschauen und die Verbrecher zu überführen glaubt, aber als Ex-Polizist noch nicht einmal weiß, daß denen auch die Polizei gehört.

Ein freundlicher Killer

"Chinatown", das heißt Furcht und Zittern in moll: Angenehm verwirrt, wohlig schaudernd tappt der Zuschauer mit dem armen Gittes, dessen verbundene Nase den halben Film über seine traurige Unzulänglichkeit zu unterstreichen scheint, durch ein Gestrüpp aus Mord und Inzest, Betrug und Dekadenz. Immer finsterer, schauriger wird das Gespinst der Verweise und Zusammenhänge, jeder Fetzen Wahrheit bedeutet neue Verstrickungen, jedes Detail, das sich mühsam herauskristallisiert, verrätselt ein neues. Und die Figuren schillern in so verwirrenden, schummrigen Illuminationen, entziehen sich so begehrenswert Gittes und unseren Spekulationen, daß man ihnen nach wenigen Minuten verfallen ist.

Towne und Polanski perfektionieren hier eine Form lustvoller Anspannung, einen suspense, der nichts mit den üblichen deutschen Krimis zu tun hat, in denen immer alle und alles mit plumpen Verdachtsblicken, -einstellungen, -akkorden bedacht werden, und auch nichts mit Hitchcock, der den Zuschauern an den Nerven zerrt, weil er sie mehr wissen läßt als seine Figuren. Hier geschieht das Gegenteil: Wir sehen (wie schon in "Rosemaries Baby") alles mit den Augen einer Figur; wir wissen nie mehr als Gittes, suchen und irren so neugierig und gespannt durch die Handlung wie Besucher durchs Chinesenviertel einer fremden Stadt. Auf Chinatown stoßen wir immer wieder dabei: im Dialog, in kleinen optischen Signalen, in den starren Mienen chinesischer Dienstboten, in Gittes’ erinnerter Vergangenheit.