Während des langen Streiks der französischen Postbeamten waren die Briefe und Pakete wie auf Eis gelegt. Und als der Streik zu Ende war, da schmolz der Eisberg nicht so rasch. Noch jeder Tag bringt neue Überraschungen.

Vieles, was wichtig hätte erscheinen können, hat sich von selbst erledigt, zum Beispiel, daß ich für schönes Geld und gute Behandlung einen Vortrag in Dortmund hätte halten sollen. Ich habe mich über diese Einladung im ersten Moment auch wirklich gefreut. Im zweiten Moment bemerkte ich aber, daß der Vortrag für Ende Oktober angesetzt war. Also ging ich des Geldes verlustig – ein Postgeschädigter. Doch weil ich "ein heißes Eisen" hätte anfassen sollen, blieben mir Aufregungen erspart – ein Postbegünstigter.

Und wirklich klingelte der Briefträger an meiner Tür, um mir zur holden Weihnachtszeit einen Kalender für das Jahr 1975 zu bringen, in dem die Dienste der Postbeamten in bunten Bildern dargestellt werden. Zuerst prallte ich zurück, stutzte, zögerte. Aber dann überlegte ich, daß ich den Feuerwehrmännern schon einen Kalender abgenommen hatte, obwohl es nicht zu einer Feuersbrunst bei mir gekommen war. Auch war mit treuherzigem Lächeln, eine Weihnachtskarte in der Hand und im Munde die wohlklingenden Worte: "Je suis votre éboueur" der Vertreter der Müllmänner erschienen, die kürzlich auch nicht schlecht gestreikt haben.

Also habe ich den Kalender der Postbeamten entgegengenommen und mich erkenntlich gezeigt. Worauf der Briefträger mir einen eleganten Umschlag überreichte: Einladung zur Ausstellung eines berühmten japanischen Graphikers in Berlin. Warum auch nicht? Wir sind jetzt längst im Dezember, und die Ausstellung hätte End; November stattfinden sollen und hat es wohl auch.

Ob die Naturgesetze schon erforscht sind, nach denen ein Eisberg schmilzt? Bei der Auflösung der Postberge ist ein System nicht so schnell zu erkennen. Gestern erfuhr ich durch einen Brief aus New York, daß ich einen lieben Freund auf dem Flugplatz Orly hätte treffen können: Zwischenlandung und zwei Stunden Aufenthalt. Allerdings im November!

Mein Freund hatte die Mitteilung seiner Sekretärin diktiert. Ob also System darin liegt, daß ich bisher nur in den Genuß von Briefen kam, deren Adresse mit der Schreibmaschine getippt waren? Dann heißt in der Verteilungsstelle der Post die Parole, das leicht Leserliche zuerst. Schon schlüpfen die ersten Bankanweisungen durch und spielen Friedenstauben, da sie versprechen, mein Konto aus den "roten Zahlen" herauszuheben, in denen es durch den Poststreik versunken ist. Auch alte Zeitungen kommen an, die ältesten zuerst, und Drucksachen habe ich jetzt die Hülle und Fülle. Aber handgeschriebenes Privates passiert noch nicht das Gitter, das den geheimnisvollen Postberg umgibt. Oder ob außer Firmen niemand das Herz hatte, etwas Schriftliches von sich zu geben in diesen harten Zeiten? Kein einziger Mensch?

Dabei leben wir doch eigentlich in einer Welt, da sich die Gedanken am ehesten schriftlich formulieren und den anderen Menschen mitteilen lassen. Dies scheint also jetzt in Frage gestellt zu sein, so daß, wenn auch in den nächsten Wochen kein privater Brief mich erreicht, ich nur eine einzige Lösung weiß: Mensch, werde mündlich!