Von Wolfram Siebeck

Moskau, im Dezember

Die freundlichsten Menschen, denen man hier begegnen kann, sind die Garderobenmänner. (Von den Moskauer Polizisten, den Milizionärs, einmal abgesehen. Ihre sprichwörtliche Freundlichkeit gehört nicht so sehr zur Standardausführung, sie ist vielmehr ein Extra für die Touristen.) Die Freundlichkeit der Garderobenmänner ist besonders auffällig, wenn man sie am Verhalten ihrer Kollegen mißt: Kellner sind unwillig, Portiers rüde, Taxifahrer unverschämt. Gewiß, herzlich sind sie alle. Welcher Russe wäre es nicht! In diesem Punkt entspricht das Klischee der Wirklichkeit. Soviel Kunstgewerbe gibt es in den Andenkenläden gar nicht, wie sie verschenken, möchten; und wenn es zu später Stunde knallt, weiß man nicht, ob es Champagnerkorken sind oder ob da mit dem Fremden Bruderküsse ausgetauscht werden. Im allgemeinen wird der Tourist hier jedoch eher angerempelt als geküßt. Eine solche Behauptung ist nach sieben Tagen in einer Sieben-Millionen-Stadt selbstverständlich mehr als leichtfertig. Denn bestimmt existieren hier Berufsgruppen, denen man erst nach drei Wochen begegnet. Vielleicht laufen die hiesigen Briefträger den Garderobenmännern, was Freundlichkeit angeht, mühelos den Rang ab; vielleicht gibt es hier Tankwarte, die Windschutzscheiben putzen und eine gute Fahrt wünschen. Vielleicht muß man sich hier die Haare schneiden lassen, um zu erfahren, was Freundlichkeit ist.

Über die Garderobenmänner könnte man auch sagen: Sie sind am wenigsten unhöflich. Erwartet man nämlich ein automatisches "Bitte sehr!", wenn man etwas einkauft, Geld wechselt, einen freien Sitzplatz sucht – so wie man sich automatisch bedankt für geleistete Dienste, und sei es, weil ein Vorausgehender die Tür aufhält –, dann wird man die Moskauer als überraschend unhöflich ansehen müssen. Stumm wie die Fische erledigen sie die spärlichen Dienste, auf die der Tourist hier angewiesen ist und für die er ja auch – und nicht zu knapp – bezahlt; gleichgültig lassen sie einem die Schwingtür ins Gesicht fallen, und sie schauen nicht einmal auf, wenn sie im Gedränge jemanden anrempeln. Wer zum erstenmal mit einem Moskauer Rempler kollidiert, registriert es mit Schmerz und Bewunderung. Bewundernd, weil der erzieherische Aspekt der schmerzhaften Berührung nicht zu übersehen ist: Künftig wird sich der Tourist im Passantenstrom nicht mehr so leicht von Empirefassaden ablenken lassen oder im Reiseführer nachsehen wollen, wer Iwan Fjodorow war, vor dessen Denkmal man ihn beinahe zu Boden gerissen hat. Erfolgreich diszipliniert, rempelt er von nun an zurück. Wahrscheinlich sind Disziplin und Höflichkeit unvereinbare Gegensätze. Denn, um auf die Garderobenmänner zurückzukommen, gerade weil sie höflich sind, verursachen sie ungeheure Stallungen in den Theaterfoyers und Restaurants. Auch bei Hochbetrieb lassen sie es sich nicht nehmen, jedem Gast in den Mantel zu helfen. Das ist jetzt im Winter oft gar nicht so einfach. Schals müssen sorgfältig gewickelt werden, die Jacke muß glatt am Körper sitzen. Und der Veteran mit der Leninplakette am Revers erwartet kaum ein Trinkgeld, kriegt es auch nur ziemlich selten. Dennoch macht er eine freundliche Bemerkung über das scheußliche Wetter draußen und die wärmenden Eigenschaften des schönen Pelzkragens, bevor er sich dem nächsten Genossen zuwendet.

Der nächste bin ich, und mein Mantel ist weg. Zitternd vor Schreck reicht er mir die Mütze, die allein am Haken mit meiner Garderobennummer hing. Denn daß einer, und nicht einmal ein verrückter Ausländer, im russischen Winter ohne Mantel durch die Kälte liefe, ist völlig ausgeschlossen. Hastig, aber mit dem deutlichen Bemühen, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, zieht er mich durch die Mantelreihen mit dem typischen Frühwintergeruch von Mottenkugeln. Hängt er vielleicht hier? Sehen Sie Ihr schönes Mäntelchen immer noch nicht, Brüderchen? Der große Lenin gebe, daß diesem Westler der verdammte Mantel bloß nicht geklaut ist!

Furchtbar nervös ist er geworden, mein Garderobenmann. Da steht auch schon, Schreck laß nach!, ein Milizionär an der Garderobe, stumm, aber alles beobachtend und zum Einschreiten bereit. Die 30 Sekunden, die ich noch brauche, um meinen Mantel an einem entfernten Haken zu entdecken, scheinen für den Garderobenmann einen Vorgeschmack von Sibirien zu haben, so bleich ist er geworden.

Daß er vergißt, mir in den wiedergefundenen Mantel zu helfen, und mein Trinkgeld wortlos einsteckt, ist dann wohl auch seiner Aufregung zuzuschreiben. Denn im allgemeinen sind Moskauer Garderobenmänner die freundlichsten Menschen.