"Die Verhandlung gegen La Roncière", Roman von Hans Aufricht-Ruda. Dieser 1927 erstmals erschienene, lang verschollene, nun in Peter Härtlings verdienstvoller Reihe "Im Fischernetz neuaufgelegte Roman war das erste und zugleich letzte Buch Hans Aufricht-Rudas. Der 1899 als Sohn eines jüdischen Holzgroßhändlers in Oberschlesien geborene Autor emigrierte 1933 in die USA, wo er als Psychotherapeut für Kinder arbeitete und 1970 starb. Jakob Wassermann hatte ihn protegiert und auch ein, enthusiastisches Vorwort zu seinem Erstling geschrieben. "Die Verhandlung gegen La Roncière" spielt 1835 in Saumur/Loire und erzählt die Geschichte der schicksalhaften Verstrickung des neunundzwanzigjährigen Leutnants Emile de la Roncière mit der siebzehnjährigen Marie von Morell, Tochter seines Befehlshabers. Marie, ein teuflischer Engel, eine Schwester aller großen Hysterikerinnen der Weltliteratur, täuscht mit einem ausgeklügelten System von Lügen vor, La Roncière habe ihr Liebesbriefe geschrieben und sie vergewaltigt. Zwar könnte La Roncière in der Gerichtsverhandlung, deren Schilderung Höhepunkt des Romans ist, seine Unschuld beweisen und Marie entlarven, doch erkennt er hinter ihrem Wahn die verstörte Liebe und beschließt, diese anzunehmen. Aufricht-Ruda schildert dies in disziplinierter, doch poetischer Sprache, ohne viel Reflexion, aber mit glänzender psychologischer Beobachtungsgabe. (S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1974; 274 S., Ln., 24,– DM). Thomas B. Schumann