Von Rainer Köthe

Insekten besitzen eine besondere Form der Heiratsanzeige. Paarungsbereite Weibchen sondern einen Duftstoff aus, der für die jeweilige Art charakteristisch ist. Die Männchen können diesen Duft dank ihrer empfindlichen Riechorgane noch aus mehreren Kilometern Entfernung aufnehmen und so zu dem Weibchen finden.

Bisher waren die Insektenforscher einhellig der Meinung, daß die Weibchen diese "Pheromone", kompliziert gebaute Alkohole oder Ester, in besonderen Drüsen selbst erzeugen. Untersuchungen des amerikanischen Pheromon-Forschers Dr. Lawrence B. Hendry von der Pennsylvania State University deuten darauf hin, daß dies zumindest nicht in allen Fällen zutrifft.

Anlaß zu diesen Untersuchungen gaben die sexuellen Verirrungen einiger Männchen des Eichenwicklers, eines kleinen Schmetterlings, dessen Raupen mitunter ganze Eichenwälder kahl fressen. Dr. Hendry beobachtete, wie sie sich eifrig mit einem frisch eingerissenen Eichenblatt zu paaren versuchten und beschloß zu prüfen, ob im Blattsaft vielleicht Eichenwickler-Pheromone enthalten sind. Die chemische Natur dieses Lockstoffs hatte er schon vorher aufgeklärt und als ein Gemisch von Isomeren des Tetradecenylacetats bestimmt, die alle eine starke attraktive Wirkung auf Männchen ausübten.

Mit Hilfe modernster Analysenmethoden gelang es tatsächlich, geringe Mengen dieser Stoffe im Eichenblattsaft nachzuweisen. Eine Kontrollgruppe der Tiere, die Dr. Hendry auf eine Weizenkeimdiät gesetzt hatte, erwies sich als frei von dem Lockstoff. Damit war der Beweis vollständig, daß die Eichenwickler ihre Sexuallockstoffe aus der Futterpflanze beziehen.

Weiter ergab sich, daß alle Entwicklungsstadien des Eichenwicklers, von der Raupe bis zum erwachsenen Tier, bei normaler Ernährung, das Pheromon enthalten. Bei den Männchen verliert es sich allerdings bald nach dem Ausschlüpfen, während die weiblichen Tiere es speichern.

Die wichtigste Beobachtung aber machte Hendry bei seinen Experimenten mit der Pheromon-freien Diät. Erwartungsgemäß zeigten die mit Weizenkeimen aufgezogenen Weibchen keinerlei Anziehungskraft auf Männchen. Neu aber war, daß die so ernährten Männchen kein Interesse für Weibchen, ob mit oder ohne Lockstoff, besaßen. Sie reagierten überhaupt nicht auf das Pheromon.