Von Hans Herr mann

Es geschah in den Wolken, irgendwo zwischen dem amerikanischen und dem asiatischen Kontinent, in einem Langstrecken-Jet. In New York hatte der 26jährige UNO-Delegierte der Malediven, Naseem, versucht, finanzielle Unterstützung für die Entwicklung seines Landes zu erhalten. Auf dem Heimflug bescherte ihm der Zufall eine andere Geldquelle. Sein Nachbar, ein italienischer Reisebürounternehmer, interessierte sich für Naseems Inselreich und meinte, daß die Koralleninseln mit ihren palmengesäumten Sandstränden, umspült vom glasklaren Wasser, des Indischen Ozeans mit seiner bunten Fisch weit, doch sicherlich ein Paradies für Urlauber seien. Naseem: Gewiß, aber die Leute könnten nur am Strand schlafen. Es sei denn, man schaffe genügend Touristenbetten. Bei der Landung stand Naseems Plan fest: Er kaufte die Insel Kurumba und baute dort 30 palmenbedeckte Bungalows für je zwei Personen. Im Oktober 1972 kamen die ersten 25 Touristen aus Italien.

Ein heftiges Baufieber befiel daraufhin die Malediver. Palmen wurden gerodet, Bungalows zementiert oder aus geflochtenen Palmenwänden zusammengezimmert, Ventilatoren installiert. Inzwischen sind fünf Inseln, alle so klein, daß man sie auf einem Fußmarsch von 25 Minuten oder weniger leicht umrunden kann, fest in Touristenhand. Fast 500 Betten warten in dieser Saison darauf, von sonnenhungrigen und streßgeplagten Fernurlaubern belegt zu werden.

Der Propellerlärm immer häufiger ankommender Flugzeuge riß die Insulaner jäh aus ihrem Dornröschenschlaf. Außer einer zwölfsitzigen Maschine der ceylonesischen Luftwaffe begann Air Ceylon von Colombo aus regelmäßig die Malediven anzufliegen. Das ist nach wie vor die einzige Luftverbindung. In dieser Saison soll zur Unterstützung der Touristenluftbrücke zum erstenmal die staatseigene Fluggesellschaft Air Maldives eingesetzt werden. Schon liegen Pläne vor, für Charter-Jumbos die Landepiste auf Hulule, die schon einmal auf 1,5 Kilometer ins Meer hinaus verlängert werden mußte, noch ein Stückchen aufzuschütten.

Bislang lebten die Malediver hauptsächlich von den Fischen, die sie aus dem Meer holten. Mehr als 90 Prozent des Wirtschaftseinkommens bringt der Fischfang. Die Inselrepublik besteht aus 19 Atollen, ein Archipel, geformt aus fast 2000 Miniinseln, von denen nur 191 – die mit Süßwasserquellen –, bewohnt sind. Die größte ist sechs Kilometer lang. Die Hauptstadt Male, im Zentrum des Korallenarchipels, mit 15 129 Einwohnern, bedeckt nur eine Quadratmeile.

Die 500 Meter lange Hauptstraße am Kai scheint wie aus dem Spielbaukasten angelegt. Fein säuberlich sind die schlohweißen Verwaltungsgebäude nebeneinander aufgereiht: der Sitz des Präsidenten der Republik, beflaggt und von zwei Soldaten bewacht; daneben residiert der Ministerpräsident; Wand an Wand folgen das Finanz- und Außenministerium, das Fischereiministerium und die UNO-Vertretung. Sieben ebenfalls weiß gestrichene Toiletten unterbrechen die Einheitsfassade der Verwaltungsgebäude. Für Dienstfahrten von einem Amtsgebäude zum anderen benutzen die Minister eines der 25 auf den Malediven zugelassenen Autos.

Obwohl die Malediven nach etwas mehr als 78 Jahren britischen Protektorats 1965 ihre völlige Unabhängigkeit erhielten, wurde die Republik erst ausgerufen, als 1968 der letzte Sultan abdankte. Mit einem dieser orientalischen Könige, die bis auf die Zeit der portugiesischen Okkupation von 1558 bis 1573 auf den Inseln regierten, bekehrten sich die Malediver, die zur christlichen Zeitenwende als arische Emigranten aus Nordindien gekommen waren, im Jahre 1153 vom Buddhismus zum Islam. An die Ureinwohner aus dem Norden erinnert heute noch die Sprache der Malediver, Divehi, das dem reinen Singhalesisch nahekommt; die Schrift dagegen hat viel Ähnlichkeit mit dem Arabischen; man schreibt auch von rechts nach links.