Ostberlin

Alljährlich haben Studentinnen des zweiten Studienjahres an den Universitäten der DDR das "Vergnügen", für vier bis sechs Wochen in ein sogenanntes ZV-Lager (Zivilverteidigungslager) zu fahren. In diesem Jahr erwischte mich die "Ehre", wie Kollegen des Lehrkörpers vor mir, sie zu begleiten.

Strenger Drill ist an der Tagesordnung. Um sechs Uhr morgens aufstehen, waschen, Appell, Frühstück, manchmal auch vorher schon ein kleiner Marsch oder Gymnastik. DDR-Preußen marschiert: Mädchen in hohen Gummistiefeln und einem Schutzanzug, die Gesichter unter einer Gasmaske verborgen.

Kommandiert werden diese "Frauenbataillone" von Offizieren der Armee, Mitgliedern der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) und männlichen Kommilitonen, die den Militärdienst schon hinter sich haben.

Seminare über das Verhalten in Katastrophenfällen – Erste Hilfe, Verhalten beim Einsatz von Nuklearwaffen und biologischen Kampfmitteln – wechseln ab mit schweren körperlichen Übungen. Die körperlichen Übungen stellen hohe Anforderungen an das physische und psychische Leistungsvermögen der Mädchen: Gewaltmärsche bis zu 30 Kilometer im luftdichten Schutzanzug und mit Gasmaske, die nur in bestimmten Zeitabständen abgenommen werden darf, Tragen von Puppen, die Verwundete darstellen, von Sandsäcken, Nachtmärsche ohne vorherige Ankündigung, Nachtappelle und natürlich das Bezwingen einer Eskaladierwand.

Das Essen ist das Gegenteil einer gesunden Ernährung: eintönig, vitaminarm. Anpassung an einen Kriegsfall? Das Verlassen des Lagers ist strengstens untersagt. In manchen Lagern ist das Versenden und Empfangen von Post verboten. Die Mädchen sind getrennt von Mann oder Freund, da natürlich auch Besuche nicht zugelassen werden. Das schafft psychologische Probleme.

Doch es gibt nicht wenige meiner Kollegen und der männlichen "Kommandierenden", die sich der Mädchen äußerst "liebevoll" annehmen. Da ich zum erstenmal in ein solches Lager mitfuhr und die Bräuche nicht kannte, fragte ich sie, ob sie denn nicht Angst hätten, daß ihr Verhalten bei Bekanntwerden an der Universität negative Folgen, Disziplinarverfahren und dergleichen für sie haben könne. "Ach", sagte mir ein jüngerer Kollege, "das ist doch bekannt. Darüber redet man nicht. Und außerdem – wer sollte uns denn etwas Nachteiliges anhängen? Die Chefs? Die machen’s doch genauso!" Die Möglichkeit für herrschaftsbesessene niedere oder mittlere "Kader", hier ihren Herrschaftskomplex, den sie im täglishen Leben nicht kompensieren können, auszutoben: Wer befehlen darf, kann alles. Es darf nicht widersprochen werden. Befehlsverweigerung hat Konsequenzen für das Studium.