Es ist denkbar, daß sich eines Tages in Ballungsgebieten kein Mensch mehr der ‚Pille‘ und ihren Wirkungen entziehen kann." So hieß es in einer Meldung über Pillenrückstände im Londoner Trinkwasser (Münchner Merkur vom 15./17. 6. 1974). Auch ein Tübinger Professor namens Otto Klee muß herhalten; die schlimmen Londoner Verhältnisse sind, so seine publizierte Ansicht, auch in unseren Breiten für die Zukunft nicht auszuschließen.

Was ist dran an dieser Meldung? Wir nahmen die Fährte auf. Als Quelle für die Nachricht erfuhr man die Telephonnummer einer Presseagentur: plan public relation, Frankfurt 21921.

Dort wußte man zwar auch nichts über den wirklichen Verseuchungsgrad des Londoner Trinkwassers, doch machte es stutzig, daß als Auftraggeber für die Meldung der Agentur, aus der die Presse schöpfte, ausgerechnet die Bad Pyrmonter Mineralquellengesellschaft genannt wird ... Außerdem erfuhr man, daß ein freier Mitarbeiter dieser Agentur die Meldung an Land gezogen habe, Name und Telephonnummer anbei.

Jener Journalist gab freilich unbesehen weiter, was auch er nur irgendwo las, genauer: in der Reformrundschau vom September 1973. Dort liest man mit Verweis auf Otto Klee, daß es nur logisch ist, wenn im Londoner Trinkwasser Pillenrückstände auftauchen, da sie bei der Reinigung des Abwassers nicht abgebaut würden. Aber ob in London dieser Pillenrückstand tatsächlich gefunden wurde, weiß auch der Herausgeber dieser Rundschau nicht näher. Er erinnert sich nur noch, diese Meldung im Frühjahr (1973!) in irgendeiner Tageszeitung gelesen zu haben.

Blieb also nur noch jener Tübinger Professor (und zur Vorsicht ein Brief an das Royal Institute of Public Health and Hygiene in London).

Otto Klee in Tübingen ist zwar kein Professor, aber immerhin Hydrobiologe und hat ein Buch über Trinkwasserprobleme herausgegeben. Die Meldung über die Pillenreste in London hielt er für plausibel, deshalb bereicherte er damit auch sein Buch. Aber Quellen? Literatur hat er nicht.

Inzwischen ist auch der Brief aus London eingetroffen, sehr freundlich und kompetent. Nein, Rückstände von Hormonpräparaten hätte man trotz intensiver Suche im Londoner Trinkwasser bisher noch nicht gefunden. Das sei sehr unwahrscheinlich, denn schon in den großen Abwasserspeichern wird alles abgebaut. Punktum.