Ein Aufatmen geht durch die Reisebranche. Das Jahr 1974, das mit der Ölkrise eingeläutet, von Streiks, Bürgerkrieg, Wirtschaftsflaute, Cholera und Zypernkonflikt erschüttert wurde, verabschiedet sich freundlich. Die große Krise im Tourismus blieb aus, die Blessuren sind zu verschmerzen.

Gewinner der Saison ist Neckermann. Die Frankfurter haben nach dem Rückschlag vom vergangenen Jahr wieder die Nase vorn. Verlierer ist eindeutig die Bahn. Sie mußte bei einigen Veranstaltern (Scharnow, Touropa, Ameropa) große Verluste hinnehmen. Verständlicherweise haben die Reisenden mit dem kleinen Geldbeutel auf die Krise besonders empfindlich reagiert.

Der Flugtourismus hat sich trotz schlechter Reminiszenzen an den Fluglotsenstreik gut gehalten; fast überall gab es Zuwachsraten, wenn auch nicht mehr in den Größenordnungen vergangener Jahre. Ähnliches ist vom Autoreise- und Ferienwohnungsgeschäft zu berichten. Trotz Benzinpreiserhöhungen bleibt das Auto Urlaubsvehikel Nummer eins.

Zwei Veranstalter, Kaufhof und g-u-t, haben in diesem Jahr erstmals das Klassenziel erreicht: sie sind endlich aus den roten Zahlen heraus. Tigges ist stolz darauf, nun auch dem exklusiv-elitären Klub der Hunderttausender anzugehören.

Die beachtlichste Zuwachsrate konnte der Stuttgarter Regionalveranstalter Hetzel für sich verbuchen. Hier haben sich Preisvorteile, die sich aus der Beschränkung auf einen Abflughafen und durch ein gestrafftes Programm ergeben, besonders deutlich in der Publikumsgunst niedergeschlagen. In seinen Umsatzangaben schlägt Hetzel freilich Kapriolen.

Deutschlands größter Reisekonzern, die TUI (Scharnow, Touropa, Transeuropa, Hummel, Tigges, airtours und wen tours) brachte es auf insgesamt 1,85 Millionen Reisen, das bedeutet einen Rückgang von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz erhöhte sich dagegen um 3 Prozent auf rund 1,24 Milliarden Mark.

Ob die Reisestatistik 1974 in allen Fällen ein getreues Spiegelbild des Geschäftsverlaufs ist, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Einige Veranstalter haben an ihren Vorjahreszahlen erhebliche "Bereinigungen" vorgenommen, um für dieses Jahr die Ausgangsposition zu verbessern. Da war plötzlich von Doppelbuchungen, Stornierungen und Saisonverschiebungen die Rede. Insofern darf man gespannt sein, ob die 1974er Zahlen überall auch den nächsten Zähltag im Herbst 1975 überstehen werden. Ferdinand Ranft