Von Sepp Binder

Recklinghausen, im Dezember

Von außen glich der graue städtische Saalbau einer uneinnehmbaren Festung. Hinter einem dichten Netz rot-weißer Absperrgitter patrouillierten Polizisten mit Funksprechgeraten und Schäferhunden, entschlossen dreinblickende Doppelposten im Erstwähleralter kontrollierten jeden Besucher.

Drinnen rückten sie eng zusammen. "Wo bleiben denn bloß die angekündigten Demonstrationen?", fragte ungeduldig ein Pennäler. Doch die rund 250 Delegierten der Schüler-Union, versammelt zu ihrem ersten Bundeskongreß, warteten vergeblich. Zwar hatten kommunistische Schülergruppen auf Flugblättern unter dem Motto "Nieder mit den Schüler-Union" eine "machtvolle Demonstration" gegen den "Stoßtrupp der herrschenden Klasse" angekündigt. Doch der Aufruf zum Schulklassen-Kampf blieb ohne Echo. Die Basis an den Schulen verweigerte ihnen die Gefolgschaft.

Brav und pünktlich setzten sich die Schüler unaufgefordert auf ihre Plätze, aufmerksam hörten sie den Rednern zu, und wer sich unterhielt, tat dies leise und rücksichtsvoll. Ein bayerischer Bub schoß ein Erinnerungsphoto seiner süddeutschen Unionsfreunde, nur zehn Schüler rauchten – sieben Zigaretten, drei Pfeife. Der Bundeskongreß glich anfangs einer großen Schulklasse aus einem besseren Stadtviertel: adrett gekleidet, lernbereit und lehrerorientiert. Die Pennäler tragen wieder konservativ.

Die Schüler-Union gab mit ihrem ersten Großauftritt in Recklinghausen eine öffentliche Unterrichtsstunde über die gewandelte Situation an den Schulen. Jahrelang drängten die Schüler im Sog der früheren Studentenbewegung nach links. Bei den Wahlen entschied sich die Jugend zwischen 1969 und 1972 stets für die SPD. Das Erstwähler-Reservoir wurde von Sozialdemokraten und Liberalen gründlich ausgeschöpft. Reformpolitik war schick. Doch Jungsozialisten und Jungdemokraten, von SPD und FDP als Auffangnetz für den politischen Nachwuchs geknüpft, haben die Schüler vergrault. Die Jungen hatten die endlosen Debatten über Klassenkampf und Repression, Unterdrückung und Systemüberwindung satt und kehrten den Genossen, die mit sich selber zu sehr beschäftigt waren, den Rücken. Der Stimmenschwund bei den Erstwählern war dieses Jahr für die SPD in allen vier Landtagswahlen entsprechend groß: doppelt bis dreifach so hoch wie die durchschnittlichen Wählerverluste.

In dieses Vakuum stieß die Schüler-Union. Erst vor zwei Jahren als "Gegengewicht zu den linken Gruppen" gegründet, hat sie jetzt am Jahresende 25 000 Mitglieder; sie ist zur größten Pennälergruppe herangewachsen. Die Jüngst-Unionisten stellen allein in Nordrhein-Westfalen bereits hundert Schulsprecher und unterhalten dort mit ihren knapp 9000 Mitgliedern über 250 Basisgruppen. "Putzt das Rot aus den linken Brillengläsern" fordern sie selbstbewußt in poppigen Flugschriften. In Niedersachsen sammelte der Bundessprecher Christoph von Bülow, 17jähriger Unterprimaner am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover, über tausend Gefährten in der kämpferischen Schüler-Lobby.