Von Marlies Menge

Wenn es einen Weihnachtsmann gäbe, müßte er in Seiffen wohnen. Der schmucke Ort Seiffen im Erzgebirge sieht noch heute so aus, als ob Weihnachten hier erfunden wurde. In der Adventszeit zeigt es sich besonders festlich, selbst das kleinste Fenster ist illuminiert, meist mit Lichter-Bergmann und Lichter-Engel und den für diese Gegend ebenso typischen Holzlaternen mit weihnachtlichen Motiven.

In Seiffen wurde einst der Nußknacker erfunden, die Räuchermännchen, die figurenreiche, sich drehende Weihnachtspyramide, die sich zu dieser Jahreszeit in stark vergrößerter Form in vielen eckigen Kirche, dem Wahrzeichen dieses Spielzeug- und Weihnachtsdorfes, und mit kleinen erzgebirgischen Häusern, die am Seiffenbach entlang und die Berghänge hinauf gebaut wurden.

Früher wurde in Seiffen Zinn gewonnen, das von den Bergleuten ausgewaschen, "ausgeseifft" wurde. So entstand der Name. Als Zinn knapper wurde, griffen die Bergleute zum reichlich vorhandenen Holz und stellten sich an die Drechselbank, drechselten Hemdenknöpfe, Spindeln, hölzerne Teller, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch Spielzeug. Im Jahre 1881 verdienten von 100 Spielzeugmacherfamilien 64 weniger als 10 Mark wöchentlich. Vor dem Ersten Weltkrieg mußten sie ein Schock kleiner, unbemalter Holztiere für fünf Pfennig hergeben. "Pfengvieh" nannten die Seiffener sie. Nur durch fleißige Arbeit von früh bis spät und durch Mitarbeit selbst noch nicht schulpflichtiger Kinder konnten sie ein äußerst bescheidenes Leben fristen. Auch Hitler versuchte vergeblich, der Arbeitslosigkeit in diesem Gebiet beizukommen, etwa indem er hier Hunderttausende von Winterhilfe-Anstecknadeln fertigen ließ. Vor Weihnachten war das große Geschäft, danach gab es Kurzarbeit und wieder Arbeitslosigkeit.

"Nach 1945 fanden die Handwerker hier zum erstenmal menschenwürdige Lebensbedingungen", erzählt Rudolf Schiefer, Kombinatsdirektor vom Volkseigenen Betrieb (VEB) VERO. "Heute sind die Löhne fest, Kurzarbeit gibt es bei uns nicht." Auch Heimarbeit hat eine andere Bedeutung als früher. "Die Frauen, die zu Hause arbeiten – aus ganz persönlichen Gründen –, verdienen dasselbe wie ihre Kolleginnen im Betrieb."

Rund viertausend Einwohner hat Seiffen, vier Fünftel der Erwachsenen sind Spielzeugmacher. Sie arbeiten in volkseigenen Betrieben, in einer PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks), in vielen kleineren privaten Handwerksbetrieben. Im Vorgarten des volkseigenen Betriebes steht eine neun Meter hohe Pyramide, die die Belegschaft vor drei Jahren in "Eigeninitiative" gebaut hat. Ebenso wie den übergroßen Weihnachtsengel und den Bergmann. "Wenn man aus dem Erzgebirge ist, tut man was für die Tradition", sagt Meister Kaden.

Zehn Frauen sitzen im ersten Raum. Eine von ihnen ist Annelies Kreher, Gesichtsmalerin, seit einem Jahr im Betrieb, auf dem Wege zum Facharbeiter. Auf die Frage, ob sie eine Pyramide zu Hause habe, gibt es Gelächter. Als ob es einen in Seiffen gibt, der die nicht hat! "Zu welcher höheren Arbeit können sich Frauen denn hier qualifizieren?" frage ich Bereichsleiter Fleischer, der drei Betriebe unter sich hat und für diese Betriebe die Erwachsenenbildung durchführt. "Sie kommt durch Qualifizierung in eine andere Lohngruppe", erklärt er mir, "sie kann auf demselben Arbeitsplatz bleiben, bekommt aber mehr Geld, Außerdem soll sie mehr vom Betrieb verstehen, von der Ökonomie."