Von Theo Sommer

Ist die Opecalypse – pardon: die Apokalypse–nahe? Haben uns die Ölförderländer am Freitag, dem 13. Dezember, auf der OPEC-Versammlung in Wien den Krieg erklärt? Oder ist das genaue Gegenteil wahr: Haben zwei Tage später die Clairons von Fort-de-France einen Waffenstillstand zwischen Produzenten und Konsumenten verkündet, ist der von Giscard und Ford vereinbarte Kompromiß zugleich der Vorbote eines langfristigen Ausgleichs zwischen Ölförderstaaten und Ölverbrauchern?

Der Zeitgenosse, vom Jargon der Erdöl-Experten verschreckt und von den Milchglas-Floskeln des Martinique-Kommuniques im Stich gelassen, kratzt sich ratlos den Kopf. Die Profi-Kassandras und die Berufs-Beschöniger helfen ihm auch nicht viel weiter.

Das pessimistische Krisendrehbuch bietet düstere Lektüre. Da haben die Scheichs und der Schah samt Nigerianern und Venezolanern wiederum einen "Schluck aus der Preispulle" genommen (so die Welt); über vier Prozent haben sie sich in Wien genehmigt. Doch damit nicht genug: Von einer Senkung des Ölpreises ist nun nicht einmal als Möglichkeit mehr die Rede, und im Januar soll in Algier der Ölpreis mit einer Preisindex-Klausel an die Inflationsraten der Industrieländer gebunden, praktisch also auf eine Aufwärts-Rolltreppe geschoben werden. Dies und die neue Art der Preisberechnung, die dem alten Listenpreis den Garaus macht, schmälert den Gewinn der westlichen Mineralölfirmen, die fortan nicht mehr genug verdienen, um in der Nordsee oder anderwärts nach Öl bohren zu können. Der stetige Preisanstieg aber treibt in aller Welt die großen Unternehmen in die roten Zahlen; mit den Petrodollar bedienen sich die Ölfürsten dann großzügig aus der Konkursmasse.

Die optimistische Version liest sich ganz anders. Danach sind wir bei der jüngsten Preiserhöhung noch glimpflich davongekommen, zumal ja der jetzige Stand bis September 1975 unverändert bleiben soll – Moratorium. In Algier wird zwar ein Grundsatzbeschluß über die Indexbindung des Ölpreises zustande kommen, doch braucht sich niemand ins Bockshorn jagen zu lassen: Die praktischen Schwierigkeiten des Vollzugs sind zu groß. Wie sollte denn der Index bestimmt werden? Etwa auf der Basis der verschiedenen nationalen Inflationsraten – wonach dann im Laufe der Zeit Öl für die Bundesrepublik billiger würde als für Frankreich, Öl für Frankreich billiger als für England, etc. pp? Oder auf der Basis eines alle Industrieländer auf einen gemeinsamen Nenner zwingenden "Warenkorbes", wie ihn die Statistiker so sehr lieben: ein Brötchen, eine Tonne Stahl, zehn Gramm Hirschhornsalz und ein Pfund Blattspinat?

Keine Angst denn. Ohnedies, fielen die Preise wieder, dann würde dies bloß die notwendige Suche nach Ersatzquellen für unsere Energie unrentabel werden. Was aber die neue Preisberechnung und die totale Verstaatlichung anbetrifft, die jetzt der Aramco in Saudi-Arabien blüht und allen anderen Gesellschaften in allen übrigen arabischen Öl-Herrschaften wohl auch – da meint ein so renommiertes Blatt wie der Economist, am Ende winke den Gesellschaften dank der neuen Dienstleistungsgebühren gar ein Zugewinn; die Verstaatlichung kündige eine Phase relativer Ruhe zwischen den Öl-Ländern und den Multis an.

Dem düsteren Panorama liegt eine Verschwörungstheorie zugrunde, wie sie in der Weltgeschichte noch nie gestimmt hat: "Die Araber" sind darauf aus, die Industrieländer zu ruinieren. Zu diesem Zweck erhöhen sie den Ölpreis; mit den Erlösen finanzieren sie den Aufkauf unserer Großunternehmen; gleichzeitig werfen sie sich zum Herren der Immobilienmärkte auf, manipulieren unsere Währungen ("Pfund rein, Pfund raus"), bauen langsam einen eigenen, bald alles beherrschenden Kapitalmarkt auf, machen aus der Entwicklungshilfe ein wirkungsloses Almosen, nutzen unsere Ölabhängigkeit aus, um uns bis zur Würdelosigkeit zu demoralisieren. Ein geschlossenes Konzept, aber falsch wie die Protokolle der Weisen von Zion.