Ist China dabei, die Schwelle von der revolutionär-charismatischen zur institutionalisierten Herrschaftsordnung zu überschreiten, wie es die Sowjetunion unter Breschnjew endgültig getan hat? Vieles deutet darauf hin, daß die Revolution Pause macht und eine nachstoßende Führungselite für das China ohne Mao festen politischen Boden unter den Füßen zu gewinnen sucht.

Mao Tse-tung hat sein kommunistisches Riesenreich Stoß um Stoß vorangetrieben. Das Prinzip Unruhe wurde zur Staatsräson, der revolutionäre Faden durfte nie abreißen, die Massen nie zur Ruhe kommen: "Unsere Revolutionen folgen einander, eine nach der andern."

Der X. Parteitag vom Sommer 1973 verankerte, so schien es, dieses maoistische Entwicklungsgesetz. Die linksradikalen Kräfte wurden abermals salonfähig; das Dogma der "Revolution in Permanenz" wurde im neuen Parteistatut festgeschrieben; die Kampagne gegen Konfuzius und Lin Piao drohte die nach den Wirren der Kulturrevolution 1969 eingeleitete Politik der Mäßigung und Konsolidierung erneut in Frage zu stellen. Inzwischen mehren sich aber die Anzeichen dafür, daß die Beruhigungsphase doch von Dauer ist:

Die Linken, deren Comeback Mao persönlich gefördert hatte, blieben in den Startlöchern stecken; ihre Massenkampagnen erzeugten viel Widerstand und wenig Wirkung.

In der Roten Fahne wurden die Kulturrevolution und die Anti-Lin-Piao-Bewegung abgeblasen: Jetzt sei die Festigung des Erreichten geboten, das Schwergewicht müsse auf Wirtschaftsproduktion und "geistige Entspannung" gelegt werden.

Mit der Wiedereinsetzung der Generäle Yang Tschung-wu und Wang Schang-wung auf militärische Spitzenposten sind zwei weitere in der Kulturrevolution zu "Parteifeinden" gestempelte Männer zu neuem Rang und alter Würde gekommen. Die Wiedergutmachung kulturrevolutionären Unrechts geht also weiter.

Der stellvertretende Ministerpräsident Teng Hsiao-ping eröffnete, daß in Bälde der Volkskongreß abgehalten werde, der seit 1964 nicht mehr getagt hat. Die Repräsentanten dieses höchsten Staatsorgans seien bereits gewählt worden.

China steuert in stillere Gewässer hinein. Verhallt sind die Aufrufe, "gegen den Strom zu schwimmen" und sich für ständige Kämpfe zu wappnen. Gefordert wird Ordnung statt Unordnung, Politik statt Revolution. Alles soll wieder an seinen Platz: die geeinte Partei an die Spitze, die dienende Armee in die Kasernen, die aufmüpfigen Radikalen an die kurze Leine. Wie es in der Roten Fahne stand: "Die Mehrheit der Kader ist gut, unser Land ist gut, unser Volk ist gut, unsere Partei ist gut, unsere Armee ist gut, unsere Staatsorgane sind gut." A.K.