Nun zieht es also auch den Schauspielregisseur Hans Neuenfels zur Oper. Der frühreife Regie-Provo und gegenwärtige Konkurrent von Palitzsch in Frankfurt zieht aber nicht etwa Nutzen aus einer Mode, sondern Konsequenzen aus der eigenen Regie-Krise. In seinen letzten Arbeiten ging er monoman über die Stücke hinweg, seine Figuren rotierten wie aufgezogen, walzten in aufgezäumter Psychomanie die Dramen nieder, waren bloß noch synthetische Figuren von Neuenfels’ Gnaden.

Welche Oper könnte solchem Regie-Wahnwitz näher kommen als die wahnwitzigste Verdi-Oper, in der es nur so wimmelt von jenen Figuren, die eine umdüsterte Vergangenheit, ein höchst wirres Schicksal haben – also der „Troubadour“, die Geschichte vom Grafen von Luna, der seinen eigenen Bruder Manrico tötet, weil die Zigeunerin Azucena ihn als Kind verwechselte – ein Libretto, das Hans Neuenfels ausdrücklich als „gut“ bezeichnet.

Neuenfels und sein Bühnenbildner Klaus Gelhaar lassen sich zunächst ungehemmt auf die Eigenheiten dieser Romanzenoper ein, stopfen wohlfeile Unterhaltungsmusik voll mit manchmal erfrischend billiger, ja rüder Unterhaltung. Die Bühne geht auf den Stilmischmasch der Kolportage ein, arbeitet farbenprächtig und knallig die verschiedenen Einflüsse heraus, was mindestens auf einen fulminanten Opernstrip mit Einschlägen des Grand Guignol hoffen läßt: Die Leute des Grafen Luna kommen, kaum ist ein fahler Mond im ersten Bild angeknipst, zusammen wie maskierte Mafiosi, eine Herrenmensch-Soldateska; das Boudoir Leonores besitzt eine im Jugendstil ornamentierte, transparente gläserne Kuppel, für das Zigeunerlager steht ein buntscheckiges, leicht poppiges Operetten-Tableaux. Gelhaar reißt die Szenen mit großen Opernprospekten, monsterhaften Rundhorizonten auf und läßt die Natur vor allem in Tiersymbolen erstarren: Ein Schimmel geistert durch die Bilder, Pfauen sind in Leonores Garten gestellt, übergroße Bulldoggen säumen die Aufmärsche der Soldateska.

Auch die Regie übernimmt den Symbolismus der Erstarrung einer an sich bewegten Romanze erst ganz langsam, hebt das Spektakel fast heimtückisch aus den Angeln, läßt erst einmal ungerührt die Opernmechanik rotieren, die Herrenmenschen verhetzt, die Zigeuner aufgeregt lustig herumposieren und -springen. Aber all dies Schmachten und das Schmalz kommen von vornherein falsch. Sehnsüchtige Klischees der Paare, düstere Entsagung des Grafen, aggressive Elektra-Gebärden der Zigeunerin prallen aufeinander, ein Ballettpaar spielt den Zigeunern neckische Tänzchen vom Sterbenden Schwan vor, und die Klosterszene ist zu einer prächtigen und verschlissenen Kathedralszene aufgedonnert, in welcher der vielbeschworene Engel in Person erscheint.

Und der tückische Ernst kommt bald. Vorbei ist es nun mit dem fröhlich und unbekümmert vor sich hinscheppernden Operngetue. Da werden die Klischees aufgerissen, die traulichen und umdüsterten Figuren in den Abgrund gelockt, da stimmt plötzlich Neuenfels’ detaillierter Psychoplan aus dem Programmheft, den man (von Ödipuskomplex bis Sadismus) eher für die höhnischeBegleitung zur Opernklamotte gehalten hatte. Da wird auch klar, warum gerade die wichtigsten Personen so gebrechlich sind, Graf Luna einen Buckel mit sich schleppt, Ferrando, der Feldherr, im Rollstuhl sitzt, Azucena sich kaum auf den Beinen halten kann.

Neuenfels setzt erst, wenn die Romanzenoper mit all ihrer billigen Volkstümlichkeit nur noch leer und höhnisch widerhallt, aller Pomp aufgebrochen, der Witz eines Kostümfestes aufgebraucht ist, die wahnwitzige Kolportage der Oper absurd wurde, zum großen Schlag an, macht aus der Romanze eine böse Revue, läßt seiner Wut gegen die niederträchtig harmonisierenden Rituale (damit hatte er zuerst in „Zicke Zacke“ die Heidelberger aufgebracht) freien Lauf. Aus billiger Unterhaltung, abgeschmackten Posen scheint nun die nackte Provokation, die unappetitliche Aggression. Für Momente geht Neuenfels Verdi kritisch an den Kragen: Romanze, so sieht man, das ist für solche Barbarei, für solchen Menschenhaß doch selbst Blasphemie.

Im Lager des Grafen von Luna wälzen sich, ringen wie in Arrabals Horror-Shows nackte Paare, treiben es mit dem Krüppel, wird Azucena rüde vergewaltigt. Die nackten Pärchen garnieren mit friedvollen Liebesbezeugungen selbst noch Manricos Liebesschwüre. Dieser Manrico legt der Leonore den roten Läufer als Schleppe um, sie wird wie der Star einer Show hochgefahren – und in die Schmachtarie dringt die Soldateska vor, erdrückt den utopischen Kitsch.