Von Jürgen Dahl

Wer es sich in den Kopf gesetzt hätte, der Menschheit, die sich über ihre wahre Lage allmählich klar wird, Optimismus einzuflößen und eine Patentlösung für alle irdischen Übel (von der Hungersnot bis zum Bevölkerungswachstum) anzubieten, der hätte keinen besseren Einfall haben können als den, den der hochangesehene Physikprofessor Gerard O’Neill aus Princeton zur Diskussion stellt: Auswanderung ins Weltall.

Der Einwand, dieser Gedanke sei nicht neu, sondern immer schon erwogen worden, sticht nicht; denn O’Neill denkt nicht an die Besiedelung des Mondes oder der Planeten, auch nicht an Raumstationen, die aus irdischem Material erbaut und in den Orbit befördert werden, sondern er schlägt vor, daß die Kolonisten von der Erde das Land, das sie bewohnen werden, zunächst einmal selber anfertigen.

O’Neills Idee hat unlängst durch die Veröffentlichung in der Zeitschrift Physics Today durch eine Erwähnung in der Zeitschrift Nature und durch eine ausführliche Schilderung im New Scientist so etwas wie die niederen Weihen der wissenschaftlichen Welt empfangen.

Das Kernstück von O’Neills Weltraumkolonien ist ein an beiden Enden geschlossener, frei im Raum schwebender Aluminiumzylinder, eine hohle Zigarre also; das "Land" befindet sich auf der Innenwand des Zylinders. In jedem Zylinder gibt es drei solcher Landflächen, sie sind durch drei über die ganze Länge des Zylinders laufende Fensterwände voneinander getrennt; durch die Fenster fällt das mit schwenkbaren Spiegeln eingefangene Sonnenlicht auf die jeweilige, dem Fenster gegenüberliegende Landfläche.

Der Prototyp soll einen Kilometer lang sein und einen Durchmesser von 200 Meter haben, während für die späteren Wohnröhren an eine Länge von 32 km bei einem Durchmesser von mehr als sechs Kilometer gedacht ist. In dem Prototyp könnten 10 000 Menschen leben, in den großen Zigarren dagegen zwischen 20 000 und 20 Millionen Einwohner.

Solche riesigen Zylinder kann man natürlich nicht einfach in den Weltraum schießen. Deshalb plant O’Neill, daß sie ebendort gebaut werden, wo sie am Himmel hängen sollen, nämlich in jenem Bereich des Erde-Mond-Systems, in dem die Gravitationskräfte der beiden Himmelskörper einander aufheben.