Von Jens Friedemann

Die Neureichen aus dem Morgenland sorgen fast täglich für Sensationen. An Börsen, in Banken und auf den Vorstandsetagen der Unternehmen werden immer neue Gerüchte gehandelt: Die IBM-Aktie, in Wall Street seit Monaten auf Sturzflug, stieg kürzlich unvermittelt um zwanzig Dollar, nachdem die Nahost-Agentur Mena berichtet hatte, daß sich die Araber für den Computerriesen zu interessieren beginnen. In London hatte die Philips-Aktie plötzlich Aufwind; man munkelte, Araber wollten kaufen. In Frankfurt standen Ende letzter Woche deutsche Werftaktien im Rampenlicht. Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Zayed von Abu Dhabi, hatte zuvor Interesse an der deutschen Werftindustrie bekundet.

Holländische Zeitungen berichten von achtzehn Ölscheichen, die ab April nächsten Jahres etwa fünf Milliarden Dollar in Holland, Belgien und der Bundesrepublik investieren wollen. Bei libanesischen Bankiers kursiert zur Zeit eine Liste mit zweihundert Firmen, für die sich arabische Finanzinstitutionen interessieren. Auf der Liste finden sich auch deutsche Namen, wie Korf, Fichtel & Sachs, Demag, Phillip Holzmann, Bosch, Felten & Guilleaume, MAN, VDO, VFW-Focker oder Oetker. Nachdem der Iran mit 25 Prozent bei Krupp und Kuwait mit 14,6 Prozent bei Daimler eingestiegen sind, scheint eine neue Phase orientalischer Anlagestrategie zu beginnen.

"Die Welt wird nicht mehr die gleiche sein", prophezeite Schah Reza Pahlevi vor einem Jahr auf dem Höhepunkt der Ölkrise. Heute, ein Jahr danach, zeigt sich, daß es einer Handvoll arabischer und anderer ölreicher Staaten tatsächlich gelungen ist, die Wirtschaft des Westens empfindlich zu stören, vielleicht sogar das Ende der Wohlstandsgesellschaft einzuleiten. Die Verfügungsgewalt über Öl verleiht Macht und die Araber haben und nutzen sie. "Außer Panzern und Bomben wird nichts sie daran hindern können, ihre Macht zu gebrauchen", resignierte US-Verteidigungsminister Schlesinger. Die Führer Arabiens, einst als machtlose Gruppe reaktionärer oder radikaler und untereinander heillos zerstrittener Despoten verschrien, demonstrierten in knapp zwölf Monaten, daß sich die wirtschaftspolitische Erdachse im letzten Viertel dieses Jahrhunderts gen Mekka verschieben wird.

Nach der jüngsten Statistik des Internationalen Währungsfonds (IWF) überfluteten in den vergangenen Monaten bereits Milliardensummen aus dem Morgenland die westlichen Finanzmärkte: 16,5 Milliarden Dollar flossen in den Eurodollarmarkt; 10,5 Milliarden wurden in die USA angelegt; 6,5 Milliarden flossen nach Großbritannien. Japan und einige andere nichteuropäische Länder erhielten Finanzspritzen von 3,4 Milliarden; 2 Milliarden holte sich der IWF.

Doch die Daten sind überholt, ehe sie zu Papier gebracht werden. In jeder Sekunde fließen viertausend Dollar in die Kassen der Ölländer. Im abgelaufenen Jahr, sammelten sich so insgesamt mehr als 120 Milliarden Dollar auf ihren Konten. Davon kann nicht einmal die Hälfte für den Import von Gütern und Dienstleistungen verbraucht werden. Die neureichen Emire und Sultane sammelten somit mehr als 50 Milliarden Dollar in einem einzigen Jahr an Überschüssen an – ein Betrag, der in den nächsten fünf Jahren nach den jüngsten Statistiken der Weltbank auf die gigantische Summe von mehr als 500 Milliarden Dollar anschwellen könnte. Das ist weit mehr als sämtliche Notenbanken des Westens zusammen an Geld, Gold und Sonderziehungsrechten besitzen.

"Der Wohlstand des Westens wird in die Wüste transferiert", warnt Ölexperte Walter J. Levy schon vor einem Jahr. Während auf dem Wüstensand entlang des Persischen Golfes die Fundamente für einen wirtschaftlichen Aufschwung geschüttet werden, der schon heute alles in den Schatten stellt, was es an westlichen Wirtschaftswundern je gegeben hat, bestimmen die neuen Herren auch auf internationalem Parkett immer mehr den Ton. Das britische Pfund Sterling stürzte Ende vergangener Woche auf 2,31 Dollar, den niedrigsten Stand in seiner Geschichte – auf die bloße Ankündigung des saudischen Ölministers Yamani hin, daß sein Land künftig keine Zahlung mehr in Sterling akzeptieren wolle.