Von Ernst Klee

Sie kommen!" schreit ein Knirps noch gerade rechtzeitig in den Gruppenraum, ehe wir eintreten. Die Erzieherin greift noch schnell zur Nähnadel. Wir gehen durch das Jugendheim Idstein, das in einer Hanglage am Rande Idsteins liegt, eines Ortes, der im Bewußtsein der Umgebung mehr durch die Heimkinder geprägt ist denn durch das überaus anmutige romantische Stadtbild. Das 16 000-Einwohner-Städtchen (22 km von Wiesbaden) hat mehrere Heime, und deren Ruf ist bis nach Frankfurt bekannt: "Weißt du noch, als ich dir in Idstein über die Mauer geholfen hab’", ist ein gängiger Schulbubenspruch, um dem Kumpel die Unzurechnungsfähigkeit nachzusagen.

Im Ort selbst geistern immer noch abstruse Vorstellungen durch die Köpfe, und Idsteins Mütter haben als erzieherisches Nonplusultra immer noch den Satz parat: Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim! Und wenn in Idstein etwas vorfällt, weiß man auch gleich den Schuldigen: die bösen "Heimer".

Das Jugendheim Idstein, 1912 vom Nassauischen Zentralwaisenfond gebaut, beherbergt 75 Jungen und Mädchen im schulpflichtigen Alter. Es sind Kinder aus kaputten Familienverhältnissen, geprügelte, mißhandelte Kinder. Auf die Frage, wie die Kinder das verarbeiteten, sagt Heimleiterin Schmitt: "Sie empfinden das nicht, das ist ja ein Scheitern der Ehe."

Es gibt zwei Mädchen-, drei Buben- und drei Geschwistergruppen, wobei acht Kinder aus einer einzigen Familie eine eigene Gruppe bilden, weil die Mutter gestorben ist. Die Idee, eine andere Lösung als das Abschieben ins Heim zu finden, ist dem Jugendamt nicht gekommen. Und auch der Pfarrer, der den Tod der Mutter während der Christvesper von der Kanzel verkündete und um Hilfe bat, erreichte damit nur eine Altkleidersammlung ("Zum Teil alte Lumpen, drei Tage haben wir im Heim gesichtet"). Ein Feuerwehrmann in Uniform und mit Feuerwehrauto hat die Klamotten feierlich überbracht. Die Kindergruppen leben und essen (es gibt keinen Speisesaal mehr) auf einer Wohneinheit. Das Essen kommt in großen Tendern, Erzieher und zu Erziehende essen gemeinsam.

Dennoch bleibt das Heim ein Heim und wirkt auch so. Da gibt es Flure mit gekachelten Wänden wie in der Klinik, da gibt es Zimmer für Acht- bis Zehnjährige, in denen jedes Kind ein Bettchen und einen Hocker hat, mehr nicht. Nicht mal einen Tisch; Schränke sind im Flur. Wer ein Photo anheften oder ein Bild anbringen will, muß dazu die genormte Anheftefläche benutzen. Wie soll sich da die Phantasie des gestörten Kindes entwickeln? Wie soll jene Nestwärme entstehen, von der immer geredet wird?

Das Heim isoliert sich selbst. Die meisten Kinder besuchen die Heim-Sonderschule, bleiben im Getto (die Kinder, die im Ort zur Schule gehen, haben dort auch Freunde). Obgleich es in Idstein an Spielplätzen fehlt und das Jugendamt damit gut ausgestattet ist, kommen die Kinder von draußen nicht aufs Anstaltsgelände zum Spielen. Die Heimleiterin selbst ist seit mehr als 20 Jahren im Ort und hat dennoch keine Kontakte. Sie ist selbst Bestandteil der Isolierung: "Für die waren wir jahrelang die Heimer. Daß wir nicht mehr in abgetragenen Sachen rumlaufen und nicht mehr von den anderen zu unterscheiden sind, gefällt manchen nicht."