Als Balthasar ein Jahr alt und schon ein stattliches Männchen war, hatte er noch nie zuvor ein lebendiges Wesen erblickt, weder einen Artgenossen, noch einen Menschen. Doch plötzlich ging die Tür zu seinem Käfig auf, und ein Weibchen seiner Art wurde von unbekannter Hand zu ihm hereingeschoben. Sogleich wußte er ganz instinktiv, wie er sich als Männchen einer "Dame" gegenüber zu benehmen hatte. Er begann, vor ihr nach allen Regeln der Kunst zu balzen, würgte Futter aus seinem Magen hervor, um es der so heiß umworbenen Braut als Geschenk von Schnabel zu Schnabel zu überreichen. Aber so erwartungsvoll sich das Weibchen auch verhielt, nie konnte sich Balthasar dazu durchringen, den letzten Zentimeter des gegenseitigen Abstandes zu überwinden und seine Braut körperlich zu berühren. Es war seine übergroße Angst und Schüchternheit, die zwei Tage lang eine Paarung verhinderte. Dann fraß er kaum noch etwas und starb am vierten Tag aus Kummer über die Liebe, zu der er nicht fähig war.

Diese Unfähigkeit zur Liebe, aber auch das Unvermögen zu sozialem Verhalten in der Gemeinschaft einer größeren Gruppe sind die erschütternden Ergebnisse zahlreicher Experimente, die Dr. Hans-Jürgen Preiss und Dr. Dierk Franck jetzt am Zoologischen Institut der Universität Hamburg mit Papageienvögeln ausgeführt haben, die im Deutschen "Unzertrennliche" und im Englischen "Liebesvögel" genannt werden. Die Tiere sehen so ähnlich aus wie etwas zu groß geratene Wellensittiche.

Es sollte untersucht werden, welche Wirkung es im späteren Erwachsefieridasein der .Tiere nach sich zieht, wenn sie in ihrer Kindheit ohne ihre Eltern aufgewachsen sind und keine sozialen Erfahrungen mit ihresgleichen machen konnten. Ähnliche Versuche mit Rhesusaffen in den USA hatten vor einiger Zeit schon weltweites Aufsehen erregt, weil bei diesen Tieren nie mehr eine Resozialisierung, ein nachträgliches Einfügen in die Gemeinschaft, erreicht werden konnte. Würde es bei den Unzertrennlichen genauso sein, also bei jenen Vögeln, die von Natur aus gar nicht anders können, als in lebenslanger Einehe zu leben, und zwar in der wohl stabilsten und idealsten Einehe des gesamten Tierreiches?

Zunächst stellten die Forscher fest, daß die in Einzelhaft aufgezogenen Jungvögel schon in ihrer körperlichen Entwicklung weit hinter den normal von ihren Eltern gepflegten Artgenossen zurückblieben. Ihr Gefieder war rauh und glanzlos. An Brust und Bauch zeigten sich kahle Stellen.

Nach Erlangen der Geschlechtsreife begannen die Resozialisierungs-Experimente. Die Vögel, die bis dahin noch nie einen Artgenossen gesehen hatten, wurden in eine große Voliere zu einem Schwann Unzertrennlicher gesetzt. Was nun geschah, hing ganz davon ab, ob der Testvogel ein Männchen oder ein Weibchen war. Zwar beherrschten beide Geschlechter auf Anhieb das gesamte Inventar sozialer Verhaltensweisen vom Balzen und Imponieren bis zum Drohen und Schnabelfechten. Aber während sich die Männchen ängstlich abseits ihrer Käfiggenossen in eine einsame Ecke drückten und noch nach sechs Monaten keinen Gesellschaftsanschluß an die sehr spielfreudigen Tiere finden konnten, brachten die Weibchen durch fortwährendes Gezänk und häufige Prügelei die Gemeinschaft der normal aufgewachsenen Tiere völlig durcheinander. Die im Sozialverhalten gestörten Einzelwesen terrorisierten den ganzen Schwarm und blieben über Wochen unfähig, zu Ruhe und Ordnung zurückzukehren, bis sie schließlich vom Versuchsleiter entfernt werden mußten.

Sodann beschränkten sich die Forscher darauf, Vogelehen nur im Kleinkäfig zu zweit anzubahnen, entweder mit einem sozial unerfahrenen Männchen oder einem sozial unerfahrenen Weibchen und jeweils einem normal aufgewachsenen Partner. Noch nach zweijähriger Zweisamkeit kam es nicht zur Paarung und Ehebindung, weil sich die Test-Männchen dann immer noch vor ihrer Partnerin fürchteten und die Test-Weibchen mit ihren Terrormethoden und ihren Herrschaftsansprüchen jegliche liebevolle Annäherung vereitelten. Vielfach beendete der Tod durch Liebeskummer die Versuche mit den Liebesvögeln.

Bei Tieren, die in ihrer Jugend keinen Umgang mit ihresgleichen gelernt haben, beruht das Versagen im Sozialverhalten während des gesamten späteren Lebens, so folgern Preiss und Franck in der Zeitschrift für Tierpsychologie (Band 34, 1974, Heft 5) nicht etwa auf einem Nichtbeherrschen sozialer Signale wie der Balz- oder Drohgebärden, sondern auf einer Störung im ausgewogenen Verhältnis zwischen Angriffs- und Fluchtbereitschaft.