Und wieder verliert der FC Bayern

Von Jürgen Werner

Zum erstenmal seit seiner Zugehörigkeit zur Fußball-Bundesliga (1965) droht dem erfolgreichsten deutschen Verein der Nachkriegszeit Bayern München – 1967 Sieger im Europapokal der Pokalsieger, dreimal hintereinander Deutscher Meister, Gewinner des Europapokals der Landesmeister 1973/74, sechs Spieler dieser Mannschaft standen in der deutschen Nationalmannschaft, die im Juli dieses Jahres Weltmeister wurde – schon am Ende der ersten Halbserie 1974/75 das sportliche Waterloo. Vor Wochen schon durch eine 5:2-Niederlage gegen Kaiserslautern im Münchner Stadion gedemütigt, spielten die erfolggewohnten Kicker sogar gegen Tennis Borussia Berlin, einen der sichersten potentiellen Absteiger der laufenden Saison nur unentschieden (2:2) und verloren nun auch gegen den HSV in Hamburg in der vergangenen Woche zum erstenmal seit sechs Jahren mit 0:1 – Symptome einer Krise?

Leidenschaftlich, fast beschwörend verneint Robert Schwan, offiziell Technischer Direktor des Vereins, bewundernd auch Graue Eminenz, polemisch "His Master’s Voice" sprich: ausführendes Oigan seines Präsidenten Wilhelm Neudecker genannt, diese Frage. "Wir haben die Zügel am Anfang der Saison zu locker gelassen, Fehler in der Vorbereitung gemacht. Ich nehme mich dabei nicht aus." Udo Lattek, der Trainer, sitzt am Nebentisch und weiß, was damit gemeint ist. Zu viel Toleranz im Training gegenüber den arrivierten Stars wie Maier, Müller, Beckenbauer, Hoeneß und Schwarzenbeck, satt und saturiert, fußballmüde und physisch fertig drei Wochen nach der Fußball-Weltmeisterschaft, führte zur schleichenden sportlichen Demontage.

Das Tempo fehlt

In Spanien verlor die Mannschaft bei einem Turnier in Bilbao mit 5:1 gegen eine unbekannte belgische Mannschaft, weil, wie Uli Hoeneß es dann im Gespräch formulierte, "wir alle nur noch spielen wollten". Das verlorene Spiel gegen den HSV belegte diese Aussage in klassischer Weise. Der Ball wurde von den Bayern-Spielern geschoben, gestreichelt, gespielt, gelaufen ohne ihn wurde zuwenig. Gerannt sind aber die Spieler des HSV auch dann, wenn der Ball verloren ging und neu erkämpft werden mußte. Routine und Technik in der Bayern-Mannschaft reichen aber allein nicht mehr aus, weil die Erkenntnisse der Fußballweltmeisterschaft – alle Spieler sind ständig in Bewegung, wobei der, abgewehrte Angriff und der damit verbundene Ballbesitz ein sofortiges Umorientieren auf Angriff bedeutet – von den deutschen Spitzenmannschaften aufgegriffen und verwertet worden sind.

Der linke Verteidiger des HSV, Hidien, erzielte das spielentscheidende Tor nicht etwa zufällig. Beckenbauers Analyse "Das durfte nicht passieren, daß der so freistand", zeigt, wie schwach das Fleisch im Augenblick ist, wo doch der Geist die Fehler erkennt. Diese lagen schon in der Vorbereitung. In Bilbao habe ihn abends beim Bankett der Bürgermeister Huelvas angefleht, "deswegen ist er extra nach Bilbao gekommen", auch dort zu spielen. "Eines Sonnabends sind wir dann um 17 Uhr in die Maschine gestiegen, abends um 23 Uhr haben wir dort gespielt, ohne Training, ohne Vorbereitung, obwohl der Udo Lattek es gern anders gehabt hätte" – Robert Schwan weiß heute genau, daß trotz der damals lockenden Peseten das Prestige gelitten hat. Daß der Profit nur durch den Erfolg garantiert wird, diese Maxime zieht sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch.