Von Peter Marchal

Einstweilen hält sich Bonn noch aus dem Streit heraus. Da ist von "Funkstille", von "Kapazitätsproblemen" des zuständigen Bundesarbeitsministeriums die Rede. Um so engagierter sind die Streithähne selber – Deutschlands Kassenärzte und Krankenkassen. Objekt des Streits, der letzte Woche vom Bundesverband der Ortskrankenkassen neu entfacht worden ist, sind die Arzthonorare.

Aufmarschiert sind die achtzehn kassenärztlichen Vereinigungen, die rund 45 000 freipraktizierende Kassenärzte vertreten, und die Repräsentanten von gut 1500 Krankenkassen. Dabei geht es um Beträge in Milliardenhöhe. Gesamtumsatz der Kassenärzte mit den Krankenkassen 1973: 8,8 Milliarden Mark. Im Jahr 1960 hatte er noch bei rund 1,9 Milliarden Mark gelegen.

Das entspricht etwa einem Fünftel dessen, was die gesetzlichen Kassen und die Ersatzkassen insgesamt ausgeben, um die Gesundheit ihrer Versicherten wiederherzustellen oder zu schützen. Die Interessenlage beider Seiten, der Kassen und der Kassenärzte, ist dabei naturgemäß grundsätzlich verschieden: Während die einen auf eine Begrenzung der bisherigen Honorarsteigerung sinnen, streben die anderen weiterhin einen "angemessenen" Gegenwert für die ärztliche Leistung an.

Jahrelang ging alles gut. Man einigte sich mehr oder minder friedlich auf neue Honorarsätze, ganz so, wie es die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in der Tarifpolitik tun. Rechtzeitig vor Ablauf eines Honorarvertrages – Laufzeit ein bis eineinhalb Jahre – präsentierten die Kassenärztlichen Vereinigungen ihre neuen Wünsche, und stets gaben ihnen, nach dem üblichen Vertragspoker, die Kassen nach. Doch mit der Generosität der Kassen scheint es jetzt vorbei zu sein. Sie suchen nach Mitteln und Wegen, das stürmische Steigerungstempo der Arzthonorare zu verlangsamen.

Dabei stützen sie sich unter anderem auf ein Gutachten, das im Mai dieses Jahres von der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt unter dem Titel "Der Wandel der Stellung des Arztes im Einkommensgefüge" veröffentlicht wurde. Die Gutachter unter Leitung des Bochumer Professors Theo Thiemeyer fanden heraus,

  • daß das durchschnittliche ärztliche Reineinkommen im Jahr 1971 das 6,52fache des durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommens erreichte, während diese Relation 1959 noch beim 5,46fachen lag;
  • daß die Einkommen der einzelnen Arztgruppen außerordentlich unterschiedlich sind. So lag beispielsweise der Reinertrag eines Hautarztes im Jahr 1971 bei 73 698 Mark, der eines Röntgenarztes aber bei 177 582 Mark. (Durchschnitt aller niedergelassenen Ärzte damals 113 543 Mark).