In Ihrem neuen Roman "Paulinchen war allein zu Haus" verreißen Sie ein Erziehungsmilieu. Es gibt sich fortschrittlich, ist befeuert von großem pädagogischen Elan, vertraut mit den modernsten erzieherischen Theorien; alles soll aufs vernünftigste mit dem Kind arrangiert werden: ausdiskutiert. Trotzdem fühlt sich das Kind terrorisiert; es vermißt die Wärme. Dem stellen Sie ein anderes Milieu gegenüber, das der Großeltern, in dem es viel unordentlicher zugeht und viel weniger modern. Dort gibt es aber Liebe. Ist diese Gegenüberstellung nicht etwas unfair? Erstens wegen des Kindes selbst, das ein schwieriges Kind ist und dem so leicht gar kein Milieu genügen würde? Zweitens, weil Fortschrittlichkeit und Wärme sich ja vielleicht nicht grundsätzlich ausschließen müssen?

GABRIELE WOHMANN: Daß ich diese Wärme bei den Adoptiveltern völlig weglasse – vielleicht könnte man das als unfair bezeichnen. Die Adoptiveltern behandeln das Kind als Anschauungsmaterial. Es sind zwar wohlmeinende Leute, aber sie wissen nichts anzufangen mit dem Emotionsbedürfnis und -vorrat des Kindes. Ich finde das Kind nicht besonders schwierig, aber es ist natürlich meine Figur.

Wie das Buch jetzt dasteht, könnte man es dennoch als ein Pamphlet gegen fortschrittliche Pädagogik lesen.

WOHMANN: Es sollte um keinen Preis der Eindruck entstehen, ich wollte ein Eindruck res Buch schreiben. Ich glaube auch, der Eindruck kann nicht entstehen, vor allem nicht für den, der auch meine früheren Sachen kennt. Ich bin immer angegangen gegen Strenge, Härte, Erziehung zur Lebenstüchtigkeit im herkömmlichen Sinn. Ich glaube nur einfach, daß es dringend nötig ist für ein Kind, das Gefühl zu haben: Hier sind zwei Personen, das sind meine Eltern, bei denen bin ich geborgen. Was später aus dem Lebewesen wird, kann sowieso niemand sagen. Wenn ein Kind aber noch klein ist wie das Paulinchen, darf es nicht das Gefühl haben: Ich werde dauernd betrachtet, ich werde weder meine Liebe noch meine Widerstände los, die ja auch nur darauf abzielen, geliebt zu werden. Weil es nur beobachtet und verwertet wird, flieht es ja auch in seine erfundene Welt, zu den wahren Eltern, die es gar nicht mehr erlebt hat.

Warum steckt es denn nicht, wie im "Struwwelpeter", das Haus in Brand?

WOHMANN: O ja, das habe ich mir gar nicht überlegt, das wäre vielleicht noch ein besserer Knalleffekt gewesen als der Beschluß des Kindes, diese Leute zu verlassen. Damit es nicht mehr so verlassen ist, denkt es sich ja etwas ganz Scheußliches aus, nämlich ins Internat zu gehen. Es glaubt, daß es dort besser allein sein kann. Ich wollte auch nicht zu viele Anleihen machen beim "Struwwelpeter" – der Titel entstand erst später. Die Widerstandshandlungen des Kindes sind viel kindlicher. Es schmeißt Eßwaren weg, klaut Geld, obwohl es damit gar nichts anzufangen weiß, überlegt, ob es nicht einmal krank werden soll – aber Krankheit scheint ihm dann auch wieder nicht passend genug, denn dann wäre es ebenfalls wieder nur ein normaler Pflegefall. Es sehnt sich einfach danach, aufgehoben zu sein.

Das Kind ist acht, als es zu den Pflegeeltern kommt, dreizehn, als es ins Internat geht; wie alt es in dem Buch jeweils ist, weiß man nie. Wenn es aber mit acht schon diese traurigen Gedichte schriebe, die es schreibt, während andere Kinder gerade an ihren schönsten Ferienerlebnissen buchstabieren, wäre es dann nicht ein sehr untypisches Kind?