Von Karl-Heinz Wocker

Unvermeidlich, aber überflüssig – so ließe sich einwenden, daß zu Churchills 100. Geburtstag den vielen Büchern, die er selbst geschrieben hat, noch weitere über ihn hinzugefügt werden. Und schreibt nicht Martin Gilbert, mit allen nur erdenklichen Unterlagen ausgerüstet, die vielbändige Standardbiographie, die von Churchills Sohn Randolph begonnen wurde? Aber es liegt wohl eben daran, daß wir alle in Churchills hohes Alter zu geraten drohen, ehe dies Mammutwerk fertig ist, wenn jetzt dennoch in kürzeren Darstellungen versucht wird, Einzelabschnitte oder besondere politische Aspekte aus Churchills Leben herauszugreifen.

Martin Gilbert: "Churchill. A Photographic Portrait"; Heinemann, London 1974; 365 S., 4,50 £ (Taschenbuchausgabe: Penguin, 1,50 £).

Martin Gilbert selbst hat zum Zentenarjahr einen Bildband beigesteuert, der in Form und Zitaten zugleich auch eine geraffte Lebensgeschichte mitgibt. Es war nie geplant, die Hauptbiographie etwa bis zum Jahre 1974 fertigzustellen. Allerdings wäre ohne die etwas dilettantische Arbeitsweise des Sohnes dem Werk mehr gedient gewesen. Randolph, der unbedingt, wiederholen wollte, was seinen Vater mit dessen Vater so meisterlich gelang, nämlich eine zwar verehrungsvolle, aber doch nicht befangene Biographie zu schreiben, hatte dazu weder das Zeug noch am Ende die Kraft. Nun tragen die beiden ersten Bände (bis 1914 reichend) seinen Namen. Gilbert arbeitet derzeit an Band 4, er erscheint im Frühjahr. Vorabdrucke im Sunday Telegraph galten vor allem Churchills Nahostpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Außenminister Curzon schrieb damals über seinen unternehmungslustigen Kollegen im Kolonialamt: "Er (Churchill) wird kaum der Versuchung widerstehen können, sich zum König von Babylon auszurufen."

Das Zitat steht in Henry Pellings einbändiger, aber mit 724 Seiten ihrem voluminösen Gegenstand angepaßter Biographie:

Henry Pelling: "Winston Churchill"; Macmillan, London 1974; 724 S., 4,95 £.

Pelling, Historiker in Cambridge und Autor von Monographien zur Geschichte der britischen Linken, erzählt Churchills Leben ordentlich von Anfang bis Ende, mit einem Minimum an Wertung selbst in der zusammenfassenden Schlußpassage. Patriotismus und Menschlichkeit sind für Pelling die beiden Säulen, auf denen er das komplexe Gebäude der Churchillschen Person ruhen sieht. Das ist der Blickwinkel dessen, der Churchills größte Zeit, die Jahre von 1940 bis 1945, als eindrucksfähiger junger Mann miterlebt hat.