Zu Beginn des neuen Jahres hängt der Himmel nicht voller Geigen, dafür aber voller Fragezeichen. Dabei sind die Prognosen, die die Konjunkturforschungsinstitute, der Sachverständigenrat (siehe Graphiken) und andere einschlägige Institute über die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik 1975 abgegeben haben, keineswegs besonders pessimistisch.

Im Gegenteil: Die Experten erwarten trotz aller Schwierigkeiten ein – wenn auch geringes – gesamtwirtschaftliches Wachstum, eine – wenn auch bescheidene – Zunahme der realen Arbeitnehmereinkommen und eine kräftige Steigerung der Gewinne. Der Rekordüberschuß des Jahres 1973 im Außenhandel könnte sogar noch überboten werden, und die Bundesrepublik hat gute Aussichten, im kommenden Jahr die Früchte der für viele Arbeitnehmer, Wertpapierbesitzer und Unternehmer schmerzlichen Stabilitätspolitik in Form geringerer Preissteigerungsraten zu ernten.

Doch leider enthält diese Rechnung sehr viele Unbekannte. Die Prognose über die Entwicklung der Beschäftigung scheint schon jetzt überholt zu sein. Viele Indizien sprechen dafür, daß die Zahl der Arbeitslosen die Millionengrenze schon sehr bald erreichen wird. Ob es gelingt, diesen ökonomischen Schaden mit "Bordmitteln", also mit entsprechend dosierten Konjunkturprogrammen, zu bekämpfen, hängt weitgehend davon ab, wie sich die wirtschaftliche Lage bei unseren Partnerländern entwickelt. Ein deutlicher Rückgang des Exports, der im vergangenen Jahr die wichtigste Stütze der Beschäftigung in vielen Branchen war, kann auch durch Milliardenspritzen der Regierung nicht ausgeglichen werden.

Und bei unseren Partnern sieht es zum Teil böse aus. Die wirtschaftliche Flaute in den USA entwickelt sich immer mehr zu einer echten Rezession (siehe Seite 18), und Präsident Ford steht der Frage, wie er die wachsende Arbeitslosigkeit und die hochtourige Inflation gleichzeitig bremsen soll, ziemlich ratlos gegenüber. In Italien und Großbritannien nähern sich die Preissteigerungsraten der Zwanzig-Prozent-Grenze, und jenseits der Alpen überstieg die Arbeitslosenquote bereits im abgelaufenen Jahr die Marke von fünf Prozent. Auch in Frankreich beunruhigen steigende Arbeitslosen- und Inflationsraten die Bevölkerung und verschärfen die unter der Oberfläche brodelnde soziale Unruhe.

Außer der Bundesrepublik und den Niederlanden war es bereits im vergangenen Jahr keinem Industrieland möglich, seine Einfuhren mit den Exporterlösen zu bezahlen. Weiter steigende Ölpreise und eine infolge der Wirtschaftsflaute in vielen Ländern rückläufige Nachfrage werden dafür sorgen, daß die Zahlungsbilanznöte mancher Staaten sich noch verschärfen. Damit wächst die Versuchung, die außenwirtschaftlichen Probleme mit Hilfe dirigistischer Eingriffe zu lösen – auch dies eine Aussicht, die für die so stark exportorientierte deutsche Wirtschaft recht beunruhigend ist.

Heute kaum zu übersehen, für das Schicksal der Weltwirtschaft aber von nicht zu überschätzender Bedeutung, sind die Wirkungen, die von den Dollarmilliarden ausgehen, die sich weiterhin in atemberaubendem Tempo bei einigen der ölproduzierenden Staaten anhäufen. Niemand kennt die langfristige Anlagestrategie der Scheiche, aber jeder kann erkennen, wie sehr das Selbstbewußtsein der Mitglieder des Ölkartells gewachsen ist. Der Schah, der die Bevölkerung der Industriestaaten ständig über die Tugenden von Sparsamkeit und Fleiß belehrt, zögert nicht, sofort mit Konsequenzen zu drohen, wenn ihm politische Entscheidungen der Verbraucherstaaten nicht passen. Ein Beispiel dafür sind seine jüngsten Anmerkungen zur Goldpolitik der USA (siehe Seite 25).

Zur schwer kalkulierbaren wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in vielen Industrieländern und zu der Ungewißheit, ob in Krisensituationen auf die Solidarität aller westlichen Regierungen Verlaß ist, tritt so die Unberechenbarkeit der Machthaber in vielen Ölländern. Am Ende des kommenden Jahres werden wir genauer wissen, ob die Länder des Westens sich schließlich doch noch der Herausforderung gewachsen zeigen, oder ob im letzten Viertel dieses Jahrhunderts der schmerzliche Abstieg von den Höhen des in den vergangenen 25 Jahren erreichten, in der Geschichte einmaligen Wohlstandes stattfindet. Michael Jungblut