ZDF, Donnerstag, 19. Dezember: "Sie kamen aus der DDR – Fragen an sechs Schriftsteller", von Walther Schmieding

Der Obertitel war richtig. Sechs Männer (eine Frau, wie üblich, nicht dabei) traten auf, die allesamt einem deutschen Staatswesen entstammten, das man hierzulande, mit einem feinen Sinn für Rangunterschiede, entweder das zweite oder das andere nennt.

Der Untertitel war falsch. Befragt wurden nicht sechs Schriftsteller, sondern fünf in Roman, Drama und Gedicht vielfach ausgewiesene Autoren und ein Redakteur. Zwei Dramatiker, Kipphardt und Lange, ein Lyriker, Huchel, zwei Grenzgänger zwischen Prosa und Vers: Bienek und Zwerenz, ein Journalist, der einst, bevor er aus der Schule Ernst Blochs in das Haus Springer überwechselte, auch wissenschaftlich tätig war: Günter Zehm. Das war die Mannschaft, von der Walther Schmieding wissen wollte, was einer empfände, nach so vielen Jahren seit dem Grenzübertritt, ob er noch Sehnsucht hätte nach drüben, ob es lange gedauert hätte mit der Eingemeindung bei uns und ob es noch Fremdheit gebe: ein Gefühl des Doppellebens womöglich?

Mit einer Ausnahme – Zehm sprach, der Flüchtlinge aus der Gänsefüßchen-Republik gedenkend, von "uns Ostzonesen" – wurde individuell argumentiert und behutsam und unvoreingenommen Stellung bezogen. Einerlei, ob die DDR, aus linker Position, als Bürgerstaat oder, eher von rechts her, als Land der Aufpasser und Bürokraten apostrophiert wurde: von Verächtlichmachung war keine Rede. Nichts von Renegaten-Verblendung und nichts vom Pathos derer, die sich im Funktionärs-Jargon über die Herrschaft der Funktionäre ereifern: Ideologen, die ideologiefeindlich tun.

Menschlicher seien die Menschen da drüben, erklärte Huchel. Bienek gedachte – sehr konsequent, sehr human – des Gefangenenlagers, das er mit Gorkij seine Hochschule nannte. Zwerenz beschrieb, welche Konsequenzen es habe, wenn einer plötzlich parteilos sei – unfähig, Solidarität zu bezeugen, und unfähig auch, gegen Gebote und Tabus von innen her zu rebellieren. Lange und Kipphardt beklagten die Verbürgerlichung einer revolutionären Literatur – der eine, Lange, aus der persönlichen Sicht des Proleten, der andere, Kipphardt, in einem glanzvollen Zwei-Minuten-Essay über die Frage, was es für die Poesie im Sozialismus bedeute, wenn das federführende Land den nationalen über den internationalen, den bürgerlich-konservativen über den revolutionär-universalen Aspekt stelle: wenn Alexej Tolstoj über Bebel, Stanislawskij über Meyerhold, Abusch über Eisler und Brecht triumphiere.

Kipphardt, in geschliffener Rede die fehlende Basis-Demokratie in der DDR und den, wie er sagte, verballhornten Marxismus attackierend. Zwerenz, die Doppel-Perspektive von sozialistischen Ex-Kommunisten beschwörend. Bienek bei der Beschreibung der Freiheits-Vision: Nach den Jahren der Gefangenschaft das Erlebnis der glücklichen und lachenden jungen Menschen auf den Straßen von Paris. Huchel, die Riesenräume ermessend, die für einen alten Mann zwischen den Havelbergen und dem Schwarzwald, der Mark und den Vogesen liegen. Hartmut Lange, das Gegenbild zu Bieneks Freiheits-Entwurf analysierend: Die beherrschende Kommunikationsform im Westen, hieß es, sei die Beckettsche Nichtkommunikation – die Sprache Wladimirs und Estragons. All diese leisen, bewegenden und entschiedenen. Bekenntnisse (die freilich eine diskretere, weniger auf Nasen, Pickeln, Brillen und Bärte versessene Kamera verdient hätten) werde ich so bald nicht vergessen.

Walther Schmieding sei Dank dafür, daß er, statt sich selber in Szene zu setzen, durch eine bescheiden-beharrliche Wiederholung der gleichen Fragen den Betrachter am Bildschirm in die Lage versetzte, Aussage und Aussage miteinander vergleichen und am Ende ein Fazit ziehen zu können.