Alexander Kluges Bücher wirken wie eine Masse stenographischer Notizen, Skizzen, Vorstudien zu einem Werk, das zu schreiben ihm die Geduld fehlte: beispiellos in ihrer Realitätsversessenheit, in ihrer Neugier auf unsere kollektive Gegenwart, auf die Schwankungen des Einzelnen in den Böen der Zeitgeschichte. Aber sie wirken auch fahrig, zersplittert, aperçuhaft, als sei das Interesse des Autors immer schon ein Stück weiter gewesen.

Was an ihnen ebenfalls irritiert, und zwar auf produktive Weise irritiert, ist ihre Unpersönlichkeit, oder vielmehr der Anschein der kalten Unpersönlichkeit, den sie sich geben. Hier pflegt kein Autor das, was "Personalstil" heißt; hier verschwindet er ganz in lakonischen, echten oder fingierten Dokumenten, Akten, Protokollen, Zitaten, und das mit einer Konsequenz, die seine Methode schon wieder unverwechselbar und höchst persönlich macht. An jedem seiner collagierten Absätze ist Kluge zu identifizieren.

Fragte ein Ausländer, aus welchen "belletristischen" Büchern am meisten über die deutsche Wirklicheit der letzten fünfzehn Jahre zu erfahren ist, so würde ich ohne Zögern allen voran Kluges "Lebensläufe" (1962/1974) nennen und seine "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang" (1973). Denn hier ist ein Autor, der seine Nase im Wind hat, der aber nicht sich selber in den Vordergrund spielt, sondern das Allgemeine, das sich im Einzelnen realisiert; der allerdings dem Leser Kommentare, Schlußfolgerungen, Fazits auf geradezu enervierende Weise vorenthält, obwohl es ihm, einem Theoretiker aus der Schule Adornos, daran sicher nicht fehlt.

In seinen Filmen geht es weniger karg zu, und das liegt am Medium Film selbst. Während in der Prosa nur das vorhanden ist, was die Sprache fixiert, gibt es in den Filmen "Überschüssiges": Bilder, Geräusche, Tonfälle, Bewegungen, Gesichter – all das, was zu beschreiben ihm vermutlich zu umständlich und zu nebensächlich wäre. Diese konkrete, vielschichtige Präsenz nimmt seinem filmischen Erzählstil die Dürre. Kraß gesagt: wo Kluge dichtet, entstehen Dossiers; wo seine Kamera registriert, entstehen Gedichte.

Gemeinsam ist Kluges Prosa und Filmen sein Prinzip, "Fiktion" und "Dokumentation" zu amalgamieren bis zur Ununterscheidbarkeit. Vorgefundenes wird in erfundene Zusammenhänge eingebaut, erfundene Personen werden in reale Situationen versetzt. Gerade an der Ununterscheidbarkeit erweist sich der Erfolg des Prinzips. Seinen Triumph hätte es fast in seinem neuesten Film gefeiert; es kommt darin eine DDR-Agentin vor, eine erfundene Figur, von einer Schauspielerin gespielt. Was wäre das höchste Ziel eines DDR-Spions? In die Nähe des Bundeskanzlers zu kommen. Ein Drehtermin, der die fiktive Agentin mit dem echten Willy Brandt zusammenbringen sollte, war bereits ausgemacht. Wahrgenommen konnte er nicht mehr werden: Die Guilleaume-Affäre war aufgeflogen, Brandt zurückgetreten.

Dieser neue Film, entstanden in Zusammenarbeit mit Edgar Reitz, trägt den seiner Popularität wahrscheinlich nicht förderlichen Titel "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod". Es ist ein Spruch des Barockdichters Friedrich von Logau. Kluge hat ihn jedoch nicht bei Logau gefunden, sondern an der Wand eines besetzten und dann in Schutt gelegten Hauses im Frankfurter Westend. Was er mit dem Film selbst zu tun hat, ist nicht ganz klar; falls der Film (im Sinne desjenigen, der die Inschrift anbrachte) vor der Gefährlichkeit des politischen Mittelwegs warnen will, macht er’s nicht deutlich. Was Kluge wahrscheinlich faszinierte, war, wie hier ein Trümmerstück aus der Kulturtradition seine aktuelle Benutzbarkeit erwiesen hat.

Es ist ein Film über den Ort, wo die Bundesrepublik am bundesrepublikanischsten (und am fürchterlichsten) ist: zehn Tage Frankfurt am Main in neunzig Minuten. Anderthalb Stunden deutscher Alptraum, Abriß, Aufbau, Krach. Vier Handlungsstränge sind abrupt-übergangslos ineinander geschnitten: die Geschichte der "Beischlafdiebin" Inge Maier, die der DDR-Agentin Rita Müller-Eisert; Hausbesetzungen und Räumungen in der Bockenheimer Landstraße; und diverse Fetzen zum Thema "Die Sprechweise öffentlicher Ereignisse" – Faschingsszenen, Polizeifeste, eine Tagung von Astrophysikern, die Unterhaltung zwischen einem Bundestagsabgeordneten und einem Polizeivizepräsidenten über Maßnahmen in Katastrophenfällen, eine SPD-Parteiversammlung, Selbsterläuterungen von Jungunternehmern, das verbitterte Statement eines alten Heizers ("Das ist... da ist... Irgend etwas ist absurd. Und ich möchte die Wahrheit wissen! Ich gestatte mir die Frage: Wo, wo ist die Genehmigung? Warum dürfen Millionenschweine einfach machen, was sie wollen, während unsereinem alles verboten ist? Das ist alles. Danke"), Tagesschausprecher Köpcke über Kissingers erfolglose Reisetätigkeit in Nahost, Ausschnitte aus einer Fernsehsendung über Helmut Schmidt ("Der musisch begabte Schmidt, er schrieb in seiner Jugend zwanzig Orgelchoräle, wollte eigentlich Architekt und Stadtplaner werden ... ‚Für mich jedenfalls steckt eine ungeheure Befriedigung in dem Bewußtsein, für das öffentliche Wohl tätig zu sein. Das ist eine Passion, die ja viele Menschen ergreift.‘") Verfremdung durch Zitieren.