Ein Rückblick auf die kulturelle Szene 1974

FERNSEHEN

Schwärzestes Jahr

Er war vulgär und reaktionär, ein Muffel und Stänkerzwerg, und er machte Schlagzeilen bis Moskau: Alfred Tetzlaff, Oberhaupt der Anti-Fernseh-Familien-Serie "Ein Herz und eine Seele". Wolfgang Menges "Ekel der Nation" brachte noch einmal das Fernsehen ins Gerede, neben jenem Gerede, das, ebenfalls beim WDR ausgebrütet, "Talkshow" genannt wird: Der Plausch mit Prominenz vor live-Kameras wurde (und wird weiter) zur Epidemie – "Je später der Abend" war nur der Bazillus. Billig und doch attraktiv, unterhaltend und informierend, veranlaßt dieses neue, alte Genre alle Sender zu eigenen Varianten; nur die Crux der Talkshow, mit einer bombastischen deutschen Wortschöpfung benannt, hat noch keiner gelöst: das Problem des Talkmasters.

War’s das schon? Erwähnenswert ist noch ein neuer Rekord ausgestrahlter Spielfilme oder die Schwemme von all jenem Plüsch und Plunder, der durch die Nostalgiewelle plötzlich stubenrein wurde: Kitsch kritisch und kulinarisch, Schnulzen, Melodramen und fünfmal Hedwig Courths-Mahler vom Südwestfunk – was denn doch etwas zuviel des Innig-Minnig-Sinnigen war.

Das war’s aber wirklich schon. Die Faszination des Mediums schwindet sichtlich, struktur- und medienpolitische Fragen drängten sich 1974 in den Vordergrund. Abschied von den fetten Jahren: Den gigantischen Bauten und Produktions-Apparaten der Funkhäuser stehen nun Millionen an Steuerschulden gegenüber, den verbeamteten Redakteuren einige tausend freie Mitarbeiter, die auf die Festanstellung pochen.

Fernsehthema Nummer eins wurde die Finanzflaute, das Millionendefizit der nächsten Jahre. Die ARD-Intendanten reagierten darauf mit einer blamablen Verwirrungs- und Katastrophenpolitik, mit uneffektiven Schauspar-Beschlüssen, die sie ohne Absprache mit ihren Häusern dekretierten: Weniger Programm und mehr Wiederholungen, Produktionseinschränkungen bei Sport-, Service-, Jugend- und Kultursendungen, im Bereich Spiel und Unterhaltung; Hörfunk und Dritte Programme kommen noch dran.