Von Jens Friedemann

Politiker und namhafte Wirtschaftler des Westens nannten es noch vor Monaten "grotesk" und "absurd". Doch seit Ende vergangener Woche ist es in den Bereich des Möglichen gerückt: Auf internationalem Parkett werden die Umrisse einer heimlichen Goldwährung sichtbar. Statt das "barbarische Relikt" aus dem internationalen Zahlungssystem endgültig zu verbannen, werteten es Präsident Gerald Ford und sein französischer Kollege Giscard d’Estaing auf ihrer Konferenz auf Martinique auf.

Um das "derzeitige Übergangssystem floatender Wechselkurse und das Problem der Rückschleusung von Petrodollar-Überschüssen" zu lösen, beschlossen die beiden Staatsmänner, ein altes Gold-Tabu zu brechen. Statt das Gold der Notenbanken weiterhin zum offiziellen Preis von derzeit 42,22 Dollar pro Unze zu bewerten, "... ist es für jede Regierung, die dies wünscht, angemessen, den Marktpreis als Basis für die Bewertung ihrer Goldbestände zu wählen", heißt es im Kommunique. "Dieser Schritt", so erläuterte Schatzminister Jack F. Bennett, "läuft keineswegs der amerikanischen Absicht zuwider, Gold in einem reformierten Währungssystem zu demonetarisieren."

Doch die Würfel für eine neue Goldpolitik sind längst gefallen. Je bedrohlicher die auf mehr als 200 Milliarden Dollar aufgeblähte Geldmasse von Euro- und Petrodollar auf der einen Seite und der Schuldenberg westlicher Industrieländer auf der anderen Seite anwächst, desto mehr drängt sich ein Rezept gegen die Zeitkrankheiten auf: Gold. Mit ihm lassen sich defizitäre Bilanzen schlagartig aufbessern. Andere Therapien scheiterten oder konnten gar nicht erst ausprobiert werden, weil sich wichtige Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds (IWF) sträubten. Schwarzmarktpreise und Schmuggel mit Geld und Gold, das waren im Jahre 1974 die Methoden in 106 von 126 Mitgliedsländern des IWF.

Obwohl – außer Frankreich – keine westliche Notenbank offiziell bereit ist, eine Lanze für das Gold zu brechen, werden ihnen die Entscheidungen in immer größerem Maße vom Gold aufgezwungen. Seit der IWF seine Einwände gegen "eine realistischere Bewertung" des Metalls aufgab und die Bundesrepublik dem finanziell bedrängten Partner Italien einen Fünf-Milliarden-Mark-Kredit gewährte und sich als Sicherheit 535 Tonnen Gold aus den römischen Schatzkammern zum "Beleihungswert" von 80 Prozent übereignen ließ, ist das Metall auf internationalem Parkett wieder hoffähig geworden.

Wurde der Währungsexperte und Goldprophet Franz Pick noch vor zwei Jahren mitleidig belächelt, als er einen Goldpreis von 175 Dollar für realistisch hielt, befürchtet das amerikanische Schatzamt einen Goldrausch, der den Preis auf über 200 oder 300 Dollar tragen könnte, wenn amerikanische Staatsbürger ab Januar zum erstenmal seit 1934 wieder Gold frei erwerben dürfen. Um den Preis in Schach zu halten, will es am 6. Januar mehr als 65 Tonnen Gold von seinen 8586 Tonnen gegen Höchstgebot versteigern.

Experten werden dabei fatal an die Goldpanik von London erinnert. Die erste große Flucht aus dem Papiergeld ins Gold zwang die westlichen Regierungen im Oktober 1960, einen gemeinsamen Goldpool zu bilden, um den Preis herabzudrücken. Amerikanischen Staatsbürgern wurde daraufhin auch der Golderwerb im Ausland untersagt. Als auch das nichts nützte, gaben die Notenbanken im März 1968 grünes Licht für einen freien Goldmarkt.