In Rußland heimlich verbreitet: die Rezension des zweiten Bandes des Archipel GULAG

Der zweite Band von Solschenizyns "Archipel GULAG" schafft nicht die gleiche Benommenheit und Erschütterung, nicht den gleichen moralischen Schock wie der erste – vielleicht, weil er eben der zweite ist. Vielleicht hängt dieser Eindruck aber auch damit zusammen, daß ich schon dutzendweise – natürlich überwiegend unveröffentlichte – Erinnerungen ehemaliger Lagerhäftlinge gelesen und Hunderte von Erzählungen und Augenzeugenberichte über das Lagerleben aufgezeichnet habe. Hinzu kommt, daß zwar die wesentlichen Tatsachen richtig dargestellt sind (der zweite Band des "Archipel GULAG" enthält merklich weniger kleine faktische Ungenauigkeiten als der erste), doch die Urteile und Ansichten des Autors sind oft allzu einseitig und kategorisch und die allgemeinen Schlußfolgerungen keineswegs immer fundiert.

Dennoch können alle Unzulänglichkeiten des zweiten Bandes, die künstlerische und soziale Bedeutung dieses Werks, das in unserer Lagerliteratur nicht seinesgleichen hat, nicht verdecken.

Solschenizyn datiert die Entstehung von Konzentrationslagern für politische Gegner in der Sowjetunion auf das Jahr 1918. Er zitiert dazu das Telegramm an die Vorsitzende des Pensaer Gouvernementkomitees, Jewgenija Bosch, in dem Lenin empfiehlt, "zwielichtige Personen in Konzentrationslager außerhalb der Stadt ein(zu)sperren".

Ende 1920 stellten die, wie aus den Unterlagen der Tscheka hervorgeht, wegen "Spekulation" verhafteten Bauern den Hauptteil der Insassen der Konzentrationslager. Mit dem Ende des Bürgerkriegs wurden viele Lager aufgelöst und die Häftlinge nach Hause entlassen, so daß es zu Beginn der NEP offenbar kaum noch Konzentrationslager für Politische gab (bis auf das Solowezker Lager zur besonderen Verwendung und einige Politisolatoren, über die auch Solschenizyn schreibt).

Hier soll nicht der Frage nachgegangen werden, was im einzelnen in diesen Anfangsjahren der politischen Konzentrationslager von der rauhen Notwendigkeit jener Zeit diktiert wurde und was offensichtlich übermäßige und unnötige Härte war. Doch darf man keinesfalls die Konzentrationslager der Bürgerkriegszeit denen der Stalin-Ära gleichsetzen. Hinzu kommt, daß die Sowjetrepublik in den Jahren 1918 bis 1920 mit mehreren, von den westlichen Interventionsmächten gestützten, weißen Regierungen zugleich Krieg führte, und daß die zahlreichen in den von den weißen Armeen und Interventionsmächten besetzten Gebieten errichteten Konzentrationslager meist sehr viel härter waren als die in der RSFSR. Der Lagerterror der Stalin-Zeit hingegen richtete sich gegen Menschen, die schutzlos, unbewaffnet und keine Feinde der bestehenden starken Macht waren. Für Solschenizyn scheint dieser Unterschied nicht vorhanden zu sein.

Solschenizyn macht aus seiner Feindseligkeit gegenüber den sowjetischen Partei- und Wirtschaftsführern, den obersten Chefs der Roten Armee und leitenden Kadern des Komsomol und des Allrussischen Gewerkschaftsrats und erst recht gegenüber denjenigen leitenden Funktionären des NKWD und der Staatsanwaltschaft, die 1937/38 selber verfolgt wurden, kein Hehl. Schon im ersten Band des "Archipel GULAG" heißt es: "Wenn man sich die Geschichte der Verhaftungen und Prozesse von 1936 bis 1938 in ihren Einzelheiten vornimmt, dann ist es nicht Stalin mit seinen Helfershelfern, der den größten Abscheu in uns erweckt, sondern es sind die untertänig-widerlichen Angeklagten; eklig sind sie in ihrer seelischen Niedrigkeit – zumal nach dem früheren Stolz, nach der früheren Unversöhnlichkeit." Alle diese Leute, so Solschenizyn, sind während des Bürgerkriegs oder während der Kollektivierung und Industrialisierung mit ihren politischen Gegnern unbarmherzig verfahren. Deshalb verdienen sie kein Mitleid, weil sich schließlich das "System" gegen sie selber kehrte.