Tief vermummt in Daunenanoraks und Überhosen drückten sich zehn Skiläufer an die Fenster des Bell-Helikopters: Wir überflogen die kanadischen Rocky Mountains – unter uns ein Meer von Pulverschnee, uferloser Pulverschnee, hingebreitet über eine Berglandschaft, von der Kenner behaupten, sie sei das großartigste Skigebiet der Welt. In wenigen Minuten sollten wir auf einem der 3000 Meter hohen Gipfel des zu den Rockies zählenden Bugaboos-Massivs landen und uns in einen Abgrund stürzen, der uns als Pulverschnee-Traum verheißen war.

Vier der sechs größeren, gut erschlossenen Skigebiete West-Kanadas liegen in den Rocky-Mountains-Nationalparks von Banff und Jasper. Dieser einzigartigen Verbindung von Zwei- und Dreitausendern, von Gletschern, die bis an den Highway herankommen, von Seen, Wäldern und Wild haben selbst die Alpen nichts in ähnlicher Massierung entgegenzusetzen. Und: man spürt noch den Atem der Wildnis; wer will, kann die Bergwelt abseits des großen Skibetriebs auf Langlaufpisten durchstreifen, von Elchen und Caribous als gelegentlichen Zuschauern neugierig beäugt. Mit Ausnahme von Banff und Jasper gibt es in den gleichnamigen, eine Fläche von 6800 Quadratmeilen umfassenden Parks keine Siedlungen, auch die durch Lifts erschlossenen Skiareale liegen in unmittelbarer Nähe dieser Orte.

Von Calgary in der Provinz Alberta, dem günstigsten Ausgangspunkt für eine Skireise durch West-Kanada, erreicht man Banff auf einer Schnellstraße in knapp eineinhalb Stunden. Unterwegs huschen in dem zunächst noch flach gestreckten Vorland vereinzelte Indianer-Siedlungen vorbei, meist Farmen der Schwarzfüße und Stoneys. Dann, fast übergangslos, die schnee- und eisbedeckten Spitzen und Türme der Berge von Banff. Ein Indianer führte 1841 die ersten Touristen nach Banff. Erst Jahre später kamen Bautrupps auf der Suche nach einer Streckenführung für die Eisenbahnlinie Calgary–Vancouver in die Gegend und errichteten die ersten festen Unterkünfte. Etwa zur gleichen Zeit wurden heiße Schwefelquellen entdeckt – Banff entstand als Badeort. Das erste Hotel folgte; und 1885 deklarierte man ein zehn Meilen großes Gebiet um die Schwefelquellen zum Nationalpark.

Heute gleicht Banff einer stürmischen Insel inmitten des Parks, sein Skikarussell dreht rund um die Uhr, Ein Bummel durch die Hauptstraße, die Banff Avenue, ist eine Show vom Pariser Steak-Haus, Indian Mokasins-Shop, Ski- und Sportmoden-Boutiquen bis zum Western Saloon. Gegen 17 Uhr, nach Pistenschluß, wird der Platz an der Theke im Grizzly-House, Cascade-Inn oder Voyageur noch knapper als auf dem Skiparkett. Ein geradezu abenteuerliches Gedränge herrscht – bei original bayerischer Zither- und mexikanischer Mariachi-Musik! – in der Lounge des Banff-Springs-Hotels. Diese neugotische, turm- und zinnenbewehrte Hotelburg ist eine erstaunliche Mischung aus Ein de siècle und modernem Hotelkomfort, ganz im Zeichen der anglo-kanadischen ski- und après-skilaufenden Upper Class der Ostküste. Heute halten in erster Linie Amerikaner und Japaner die Stellung: deren Traum von der Ritterburg zerfließt, wenn sie erfahren, daß das "Springs" 1886 von einem Architekten aus Boston erbaut wurde.

Banffs Skibetrieb verteilt sich auf drei Zentren: Mount Norquay, Sunshine und Lake Louise. Der Mount Norquay (2100 m) ist Banffs Hausberg – selbst der mit allen Jet- und Wedelkniffen ausgerüstete alpenländische Pistenfuchs steht hier vor einem Rätsel: eine mehr oder minder senkrechte Wand türmt sich vor dem Beschauer, ein Lift nach oben, drei vier Kanonenröhre nach unten, pfeilschnell, supersteil, aufgelöst in ein Buckelmeer, dem nur mit extremer Rücklage beizukommen ist. Angesichts dieser Hänge sind weniger geübte Skiläufer mit jedem Meter sanften Terrains zufrieden, das sie am Fuß des Mount Norquay oder in Sunshine finden, Was der Skifahrer am Mount Norquay an Selbstvertrauen verliert, gewinnt er an den skifreundlichen, reich und weich gemuldeten Hängen vor. Sunshine (23 Kilometer südwestlich von Banff zurück. Sunshine: sechs Lifts, ein Hotel, einige Chalets, ein Ski-Shop – und metertiefer, fast könnte man sagen bodenloser Pulverschnee, der die Skisaison bis Mitte Mai ausdehnt.

Eine Autostunde nördlich von Banff: Lake Louise, Wallfahrtsplatz des kanadischen Tourismus. Der Blick geht über die eisbedeckte Fläche des Sees zum Victoria-Gletscher, der aus großer Höhe herabsieht, in eisblauen Stürzen mehrmals abbricht, bis er sich endlich in den See ergießt – ein Schauspiel ohnegleichen. Auf der gegenüberliegenden Seite breitet sich die mit acht Lifts am besten erschlossene Skilandschaft West-Kanadas aus. Zahme Pisten, amüsante Pisten, steile Posten, jeder findet was ihm entspricht und zwar in einer solchen Vielfalt und Vielzahl, daß es mehrere Tage in Anspruch nimmt, um das gesamte Pistennetz zu ergründen – es sei denn, man heftet sich kühn entschlossen an die Skienden des Schweizer Skischul-Direktors André Schwarz und durchkurvt so das Gelände auf einen Streich.

Jasper – 240 Kilometer entfernt – am Nordende des Parks ist weniger turbulent, doch was die Landschaft anbetrifft, Banff unbedingt gleichzusetzen. Wir erreichten Jasper bei Einbruch der Dämmerung, statt Autos frequentierten Rudel von Hirschen und Elchen die Hauptstraße, für den Europäer ein aufregendes Ereignis, das jedoch in Jasper zum winterlichen Alltag gehört.