Der elementare Wunsch nach Freiheit ist die treiben de Kraft hinter allen Freiheiten, alten und neuen. Dieser Wunsch bedarf auch kaum einer Erklärung. Manche von uns haben ihn auf eine Weise erfahren, die sie nie vergessen werden. Mir steht noch immer das Bild vor Augen: wie ich im November 1944 damals war ich gerade fünfzehneinhalb Jahre alt – in meiner Gefängniszelle zu Frankfurt an der Oder ruhelos hin und her ging. Damals, aus der Bedrängnis des Eingeschlossenseins von zehn Tagen Einzelhaft, vor dem Solidaritätserlebnis des Konzentrationslagers, entstand in mir ein unbändiges Verlangen nach Freiheit, ein tief von innen kommender Drang, niemals wieder eingeengt, eingeschränkt und eingeschränkt zu werden, weder durch die persönliche Macht anderer Menschen noch durch die anonyme Macht irgendwelcher Organisationen.

Bei der neuen Freiheit, die wir erhoffen und für die wir arbeiten können, geht es letztlich um eines: Wie wird man als Liberaler mit dieser unserer Welt fertig, die mitten in einem radikalen Umformungsprozeß steckt? Wenngleich die Meteorologie des neuen Klimas erst unvollkommen entwickelt ist, werden nur wenige bezweifeln wollen, daß die Großwetteranlage umgeschlagen hat, in der wir uns mit unserer Gesellschaft und Wirtschaft bewegen. Manche haben ihren Zweifel, was das Überleben der Freiheit in unserer Zeit angeht – einer Zeit steigender Preise und sinkender Einkommen, einer Neuverteilung von Macht und Ohnmacht, drohender Kriege und Hungersnöte, einer Zeit schrumpfenden Vertrauens schließlich in die Fähigkeiten derer, die uns regieren, und wachsenden Mißtrauens auch gegenüber den Institutionen des Staates. Gleichwohl, glaube ich, hat die Freiheit eine Chance. Es gilt allerdings zu unterscheiden, was an der Freiheit unwandelbar bleibt und in welcher Hinsicht sie der Änderung bedarf.

Als ich auszog, die Freiheit zu lernen, hatte ich das Glück, zwei große Lehrer zu finden. Der eine war Karl Popper, der Philosoph, zu dessen Füßen ich .1952–53 an der London School of Economics saß. Der andere war Milton Friedman, der amerikanische Nationalökonom.

Poppers Botschaft ist klar. "Wir können nicht wissen", sagt er, "wir können nur mußmaßen." Da keine wissenschaftliche Theorie endgültig bewiesen werden kann, kommt es darauf an, nicht nachzulassen in dem Bemühen herauszufinden, ob die allgemein akzeptierten Theorien falsch (irrig?) sind; zu diesem Zweck müssen wir die Bedingungen einer rationalen, kritischen Auseinandersetzung bewahren, in der es möglich ist, abweichender Meinung zu sein. Was für unser Wissen gilt, besitzt Gültigkeit auch für unsere Ethik und Politik: Da niemand alle Antworten kennt, müssen wir vor allen Dingen sicherstellen, daß es möglich bleibt, verschiedene Antworten zu geben.

Dies ist die Prämisse, die jeglicher Verfassung der Freiheit zugrunde liegt. Sie sagt uns, daß wir checks and balances brauchen, Gewichte und Gegengewichte; Regeln für die Austragung von Konflikten; Möglichkeiten von Wandel und Wechsel.

Mündige Bürger verlangen direkte Teilhabe an den Beschlüssen über ihre eigenen Angelegenheiten; die neue Freiheit verlangt, daß dieses legitime Begehren mit der Notwendigkeit kombiniert wird, Initiativen anzuregen und die Größenordnung der bedeutsamen Fragen zu erkennen, vor denen wir stehen.

Die Ausweitung der Bürgerrechte samt der Autonomie vielfältiger gesellschaftlicher Organisationen und Institutionen hat zu einer Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit geführt, so daß das Regierungssystem der repräsentativen Demokratie zu einem gigantischen und verworrenen Prozeß des Aushandelns von organisierten Gruppeninteressen geworden ist, der den einzelnen in der Stellung des Laokoon läßt, nicht etwa in der Haltung der Bürger von Calais. Wir werden denn auch die neue Freiheit nicht erlangen, wenn wir nicht eine neue Art von wirksamer allgemeiner Öffentlichkeit schaffen, die jene Regeln bewahrt und weiterentwickelt, nach denen wir über unsere Angelegenheiten entscheiden. In anderen Worten: Liberaler Freisinn bleibt die richtige Reaktion auf die Tatsache, daß wir in einer Welt voller Ungewißheit leben, in der niemand den Anspruch erheben kann, er habe den Gral der letzten Wahrheit gefunden; aber die Verfassung der Freiheit wird morgen anders aussehen als gestern und heute.