Von Ernst Klee

Wabern im Nordhessischen, in der "Wiscothek Come-in". Der Heimleiter des Jugendheims Karlshof lädt einen Jugendlichen, der ihn kurz sprrechen will, zu einem Bier ein. Doch der Jugendliche hat Hausverbot in Weberns einziger Discothek haben die "Anstaltsjungen" des öfteren Lokalverbot, einzeln oder kollektiv). Der Wirtssohn weist ihn zur Tür hinaus. Der Heimleiter erklärt, es gehe nur im ein paar Minuten, der Jugendliche wolle ohnedies nur das eine Glas trinken. Vor uns bauen sich ein paar Schlägerfiguren auf. Dann geht es ruckzuck. Der Wirtssohn betätigt sich als Dorfsheriff. Er packt den Jugendlichen im Genick, schleift ihn durch die Tür. Es herrscht Pogromstimmung.

Dabei kann Wabern (anders als das Heim Staffelberg, das in einer schon traditionellen Fehde mit der Stadt Biedenkopf liegt) auf ein ganz gutes Verhältnis zur Bevölkerung bauen. Seit Generationen arbeiten die Bewohner von Wabern im Karlshof, einem parkähnlichen Gelände, dessen Mittelpunkt das 1704 gebaute Jagdschloß darstellt. Das Heim hat Tradition, es war früher königlich-preußische Zwangs-Erziehungsanstalt. 1972 erlebte das Haus seinen Tiefpunkt. Nur noch 39 Jugendliche lebten dort.

Dann kam Gerd Schemenau als Heimleiter. Ein zupackender, kumpelhafter, von Heimleiter, Zügen nicht ganz freier Hüne. Schemenau kennt jeden einzelnen der Jungen beim Namen, er ist da, wenn man ihn braucht, rund um die Uhr. Er legt auch einem Jungen mal den Arm um die Schultern. Das Personal weiß, was es dem Mann zu verdanken hat, denn inzwischen leben wieder 90 Jungen im Haus. Die Jungen mögen ihm "Das Fenster, was du hier siehst", erzählt einer der "Schloßjungen", "da waren früher Gitter." In Wabern sind inzwischen Einzel- oder Zweierzimmer die Regel.

Die Jungen kommen aus ganz Hessen, aus Berlin, Bremen, Niedersachsen, aus Baden-Württemberg wie aus Bayern. Die Einweisungsgründe sind unterschiedlich: In einem Bundesland muß man zehn Autos "geknackt" haben, im anderen langt schon eins, und "in Bayern langt es, wenn man zum Lehrer sagt: du Arschloch". Das Haus holt die Jugendlichen nach Möglichkeit zu Hause ab, um dabei ihr Milieu kennenzulernen, und bringt Jugendliche selbst nach Bremen in die Ferien, um die Eltern kennenzulernen. Schwierig wird es, wenn eine Fürsorgerin den Jungen "zuführt". Die erzählt nicht selten das Blaue vom Himmel herunter, damit der Junge nicht während der Fahrt abhaut. Sie verspricht ihm den Erziehungshimmel auf Erden, um ihn zu beruhigen. Die Enttäuschungen sind dann um so größer: "Was prahlst Du stolz. / Und dünkst Dich reich, / Das Schicksal hobelt alles gleich." Der Sinnspruch über der Werkstatt hat Symbolcharakter.

Manchmal kommen aber auch Ehemalige zurück ("das hat mir gut getan") und manche bringen sogar ihre Söhne als Zöglinge. "Wir hatten auch schon Opa, Vater, Sohn alle hier." Und ab und zu schreibt ein Ehemaliger auch aus dem Jugendknast.

Fast alle der Kinder und Jugendlichen sind Legastheniker. Sie leiden unter Strafängsten und ihrem Versagen in der Schule. Wenn sie lügen, dann nicht aus schlechtem Charakter, sondern aus Angst vor Strafe. Da zertrümmert ein Junge, dem draußen die Mädchen nachlaufen würden, hier drinnen seinen Spiegel, weil ihn sein Gesicht "ankotzt". Statt der Stigmatisierung als Heimkind brauchten sie Erfolgserlebnisse,