Von Dietrich Strothmann

Die Aufregung, die der eigenwillige Gerhard Schröder durch sein Zwiegespräch mit dem Palästinenserführer Yassir Arafat in Damaskus entfacht hatte, ist wieder abgeklungen. Auch der förmliche Protest des israelischen Botschafters wird nicht dazu beitragen, der überraschenden Unterhaltung in der syrischen Hauptstadt nachträglich mehr politisches Gewicht zu geben, als ihr zukommt. Was kann die Bundesrepublik im Augenblick, da es im Nahen Osten wieder um Krieg und Frieden geht, schon ausrichten? Bedeutsam ist an der ganzen Sache vor allem, daß hier ein Mann den Dialog mit Arafat suchte, dessen Realitätssinn sich stets auf Unabänderlichkeiten der internationalen Politik eingestellt hat. Gerhard Schröder hat nicht Wind gemacht, aber er hat gezeigt, aus welcher Richtung er weht.

Die Israelis freilich sprechen von einem "neuen München", von einem "zweiten Auschwitz", das ihnen durch Arafat drohe. Ausgerechnet ihn aber habe Gerhard Schröder, ausgerechnet ein Deutscher, aufgewertet. Nach wie vor ist Arafat, auch wenn er von der Weltorganisation für gesellschaftsfähig erklärt wurde, nicht nur in den Augen der Israelis vor allem ein Terrorist. Mit Bomben, die Unschuldige töteten, verschaffte er sich gewaltsam Zutritt in die Weltpolitik und wird demnächst an den Nahost-Verhandlungstisch gelangen. Mit Maximalforderungen, die für das altneue Palästina einen binationalen Staat vorsehen, propagiert er Israels Ende.

Zu verdammen ist Arafats Morden, zu verurteilen sein Ziel. So zu tun indessen, als gäbe es ihn nicht, als gäbe es nicht die Palästinenser, ihr unsägliches Leid und ihr untilgbares Anrecht auf Heimat, wäre vermessen. Israel selber, die Gründung des Staates der Juden, ist ein Produkt der Gewalt: der Hitlers und der des jüdischen wie des arabischen Kampfes – wobei ja auch die Juden vor terroristischen Einzelaktionen nicht zurückschreckten. Einer derer, die da keine Zimperlichkeit kannten, war Menachem Begin, später Minister in Jerusalems Regierung, heute Oppositionsführer im israelischen Parlament.

Auf dem Wege der Gewalt sind viele der modernen Staaten entstanden, sind viele Politiker zur Macht gekommen: Kenyatta in Kenia, Makarios auf Zypern, Boumedienne in Algerien, die Frelimo-Bewegung in Moçambique. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die Terroristen von gestern sind vielfach die Staatsmänner von heute. Und ihre Anerkennung war selten eine Frage der Moral, sondern meist eine Sache der Zweckmäßigkeit und des Zeitpunktes. Sehr oft – freilich nicht immer – ging die Anerkennung mit einer Domestizierung einher.

Arafat mag sich von vielen anderen, die mittels Aufruhr und Gewalt an die Macht gekommen sind, durch die besondere Rücksichtslosigkeit seiner Terror-Methoden und durch die Radikalität seines Ziels unterscheiden. Eine Garantie, daß er am Ende das Mindestmaß politischer Umgangsformen einhält, gibt es nicht, Skepsis ist da gewiß angebracht. Aber es ist auch nicht a priori ausgeschlossen, daß er es lernt, sich zu mäßigen, abzufinden, zu begnügen. Und da eine Nahost-Lösung ohne Arafat nicht zustande kommen kann, ist ein Gespräch, das der Information dient, gewiß nicht abwegig. Es ist auch nicht moralisch verwerflich, denn die Friedenschancen in Nahost hängen davon ab, daß es gelingt, Arafat die Kunst des politischen Kompromisses zu lehren.

Nicht darum kann es gehen, den Terroristen zu legitimieren, seine Untaten nachträglich zu Heldentaten zu stempeln. Aber er muß in die politische Verantwortung für das Morgen genommen werden. Das geht nur, wenn am Ende auch die Israelis ihn als Gesprächspartner akzeptieren. Das wird für die Juden, die durch ihn soviel Leid erfuhren, eine schmerzliche Entscheidung sein. Wie aber kämen sie darum herum? Wie anders könnte, um Jakob Burckhardt zu zitieren, der "Gewaltzustand in die Kur" genommen werden? Wie anders kann im Orient Friede werden?