Von Rino Sanders

Identität ist gefragt. Das menschheitsalte "Wer bin ich? Wer sind wir?" hat in der Moderne die Tonart gewechselt. Proust heute würde seine Recherche womöglich eine nach der identité perdue nennen. Die ersten Verlustmeldungen stammen wohl aus der Zeit der Romantik. Nach den Künsten kamen auch Wissenschaften und angrenzende Sparten drauf, Psychologie, Soziologie: Verlust der Übereinstimmung mit sich selbst, den andern – der Gesellschaft –, der Welt; Entfremdungen, pathologisches Sich-Entgleiten. Symptome sind da, das Übel wurde diagnostizierbar.

Man kann die Anamnese durchaus mit einer Kunstausstellung versuchen – wer weiß, ob nicht mit therapeutischen Effekten? Veranstaltungen zum Thema hat es ja 1974 auch in Deutschland gegeben, etwa "Die verlorene Identität: die Gegenwart des Romantischen" in Leverkusen und "Spurensicherung: Archäologie und Erinnerung" in Hamburg. Aber Gianfranco Brunos Projekt, das unter dem Patronat des International Council of Museums von der Region Lombardei und der Stadt Mailand ins Werk gesetzt wurde, will nicht Strömungen, Richtungen, Gruppen, Stile vorstellen, sondern – auch mit didaktischer Absicht – "La Ricerca dell’Identita", die Suche nach der Identität in ihrer geschichtlichen Dimension und künstlerischen Vielfalt ansichtig machen.

Ein anspruchsvolles Unterfangen. In den weitläufigen weißwandigen Sälen unter den schadhaften Spiegelgewölben des Palazzo Reale am Dom soll der Besucher seiner Situation innewerden und, vielleicht, sein Gewissen schärfen.

Der Zulauf läßt erkennen, daß das Thema Betroffene findet. Auf den mausgrauen Teppichböden sitzen ganze Schulklassen und andere Gruppen ohne Zwang mit untergeschlagenen Beinen und versuchen ernstlich, mit den Bildern zurechtzukommen, ihren historischen Kontext zu begreifen. Mitten in der Woche verharren so viele Leute vor den Ausstellungsstücken, daß man zuweilen geduldig warten muß, ehe man ein Opus in Ruhe besichtigen kann. Oder hat sich nur herumgesprochen, daß das, was die Veranstalter aus Privatsammlungen, Galerien und Museen auch vom Kunstbetrieb wenig berührter Zonen hierher gebracht haben, ein Niveau durchaus über dem Üblichen solcher Darbietungen hat und nicht leicht wieder zusammen zu sehen und zusammenzusehen sein wird? Wird hier Kunst als "Kunst" betrachtet, als eine Sache "außen vor" oder, wenn schon nicht als Antwort, so doch als deutliche, dringliche, vorbehaltlose und deshalb vielleicht hilfreich artikulierte Frage nach der Identität, der eigenen gar? Nun, bei interesselosem Wohlgefallen bleibt es vor diesen 260 Arbeiten von 77 Künstlern wohl kaum.

Natürlich erwartet man vorwiegend Porträts oder jedenfalls Menschendarstellungen. Und so beginnt es auch – zwar nicht mit Goya, der fehlt; aber im ersten Saal erschrecken sogleich die äußerlich so ruhigen Geisteskranke darstellenden Bildnisse seines Zeitgenossen Géricault. Dazu Corinth. Vor allem seine turbulenten Alterswerke gehören durchaus hierher. Und ganz gegen Ende der Ausstellung wieder Géricault, diesmal mit Horst Janssens bohrenden Buddenbrook-Radierungen "Hannos Tod", Selbsterforschungen. Die Sachen sind also nicht ohne weiteres in historischer Abfolge gehängt. Es werden Affinitäten, Zugehörigkeiten konstatiert, und da kommt mancher Maler wie etwa Munch, wie Bacon in verschiedenen Bezügen und Räumen vor.

Weit mehr als in konventionellen Ausstellungen hängen solche thematischen Anthologien von der Übersicht, dem Geschmack und den Vorlieben des Promoters ab. Hier ist ein Hang zum Expressionismus und seinen Nachbarschaften unverkennbar. Das reicht von Ensor, der allein mit neun Stücken vertreten ist, bis zu dem unglücklichen Wiener Richard Gerstl und findet seinen Schwerpunkt bei Ludwig Meidner (acht Bilder!), Kirchner, Heckel, Grosz, Dix, Kubin. Von Egon Schiele findet man ein leicht jugendstilhaftes Halbakt-Selbstporträt und ein beklemmendes Doppel-Selbstporträt wie aus einem Hockergrab.