Von Karl-Heinz Arndt

Seinen Auftritt kündigte er meist mit hellem Wiehern an; und weil er solchem Signal fast immer eine gute Leistung folgen ließ, war der Schimmel Winnetou, geritten von Hartwig Steenken, der Publikumsliebling Nr. 1 in der Deutschlandhalle, wo mit dem Berliner November-Turnier die Reihe der großen deutschen Springreiterveranstaltungen abgeschlossen hat. Winnetous Wiehern hallt da noch nach – als fröhlich wirkender Abschluß eines überhaupt erfolgreichen Jahres.

Der Sport war es, der in diesem Jahr voller Tristesse für Lichtblicke sorgte. Die Fußballweltmeisterschaft hatte Millionen und Abermillionen Menschen für eine Weile das Bündel alltäglicher Sorgen vergessen lassen; und blickt man über die Grenzen der Fußballarena hinaus, gab es noch Gelegenheit genug, daß Enthusiasmus sich an sportlicher Leistung entzünden konnte, und das vor allem im Reitsport.

Eine Zeitlang sah es so aus, als sei der Reitsport "in den Graben" gefallen; Problematisches hat er dann weiterhin überspringen müssen. Aber wie so oft im Sport hat es im Springreiten den neuen großen Aufschwung durch das eine, alles überragende Ereignis gegeben. Es wäre das Sportereignis des Jahres gewesen, wenn da nicht "König Fußball" alles andere in den Schatten gedrängt hätte. Das Torgeschrei war gerade erst verstummt, die allgemeine Sportbegeisterung ein bißchen erschöpft, als am 21. Juli Hartwig Steenken Weltmeister im Springreiten wurde.

Jetzt am Jahresende, da wieder das beliebte Fragespiel nach dem "Sportler des Jahres" und den sportlichen Superlativen in den vergangenen zwölf Monaten angestellt wird, erscheint Hartwig Steenkens Erfolg, aus kritischer Distanz betrachtet und verglichen mit anderen in verschiedensten Sportarten, eher noch bedeutsamer als damals am Juli-Sonntag im englischen Dorfe Hickstead. Hartwig Steenkens Sieg auf dem "All England Jumping Course" sorgte dafür, daß in die ganze Kavalkade des deutschen Springsports, die manchmal schon Zuckeltrab zu gehen schien, neuer Elan hineinkam.

Es lohnt sich immer wieder, aus aktuellem Grund einen Blick in die Historie zu werfen. Dabei fällt zunächst auf, daß die Springreiterei ein Sport des 20. Jahrhunderts ist. Anfänge vor der Jahrhundertwende fallen kaum ins Gewicht. Erst mit dem italienischen Springstil, der konservativen Kavallerieoffizieren in allen Ländern zunächst die Haare zu Berge stehen ließ, kam der sportliche Schwung in die Sache; und erst als da deutlich zu erkennen war, daß man nicht mehr nur Reitvorschriften demonstrierte, sondern auf immer höhere und auch sensationelle Leistungen erpicht war, kamen die Zuschauer. Dann freilich dauerte es nicht lange, und die Jagdspringen standen hoch in Publikumsgunst.

Obwohl noch als "Herrensport" befehdet und in den Inflationsjahren gleichsam knapp an Hafer, wurde der Springsport, zunächst übrigens in der Halle, im Berliner Sportpalast, schon in den frühen zwanziger Jahren zuerst auch "Publikumssport". Nicht lange darauf war die Equipe der Kavallerieschule Hannover, vor allem infolge ihrer spektakulären Siege über die Italiener, nahezu volkstümlich. Das Deutsche Springderby in Hamburg und das große Turnier in Aachen, um nur zwei Beispiele zu erwähnen, trugen entscheidend zur weiteren Popularisierung bei. Den Gipfel der Zuschaueranteilnahme freilich erreichte der Turniersport, voran der Springsport, der neben der Dressur und mancherlei Vorführungen eben die entscheidende Rolle in der Reiterei spielt, erst nach dem Zweiten Weltkrieg.