Von Rix Armin

Mannheim

Mancher Richter blickt verwundert, wenn Franz Waibel, 43, mit dem Buch "Plädoyer für die Abschaffung des Strafrechts" von Arno Plack unterm Arm im Gerichtssaal erscheint. Aber Rudolf Franz Waibel weiß, was Strafe bedeutet. Er hat sie am eigenen Leib erlebt. Auf Wunsch der Justiz verbrachte er von den vergangenen 28 Jahren zwanzig hinter Gittern, und das größtenteils wegen Bagatellen. Deshalb wollte er das Buch nach dem letzten, aus prozessualen Gründen geplatzten Prozeß (Verdacht auf Autodiebstahl) dem Richter, Landgerichtsdirektor Schwarz von der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts in Frankenthal/Pfalz, schenken. Doch dieser lehnte das Geschenk höflich ab – nicht ohne zugleich zu versprechen, es sich zu besorgen (in der Bibliothek des Landgerichts steht es noch nicht) und bis zum Prozeßbeginn im Frühjahr 1975 zu lesen.

In der Vergangenheit sorgte Herr Waibel für Vollbeschäftigung bei der Justiz: 1946 verurteilte ihn das Jugendgericht Ludwigshafen wegen Diebstahls zu acht Tagen Jugendarrest; 1947 erhielt er durch das Bezirksjugendgericht Frankenthal erneut wegen Diebstahls viermal drei Stunden Arbeitsauflage; 1948 schickte ihn das Bezirksjugendgericht Frankenthal wegen Diebstahls für zwei Wochen ins Jugendgefängnis; 1949 wächst die Strafe auf vierzehn Monate an; der "Rest" läppert sich nach 1951 mit steigendem Strafmaß zusammen.

In den Urteilen lasen sich die Lebensstationen von Waibel immer juristisch-trocken: Der Angeklagte wurde 1931 in Ludwigshafen in dritter Ehe der Mutter geboren. Seine Mutter hatte insgesamt 21(!) Kinder. Der Vater des Angeklagten, ein wegen kleinerer Diebstähle erheblich vorbestrafter Mann, starb im Jahre 1958, seine Mutter im November 1968. Rudolf Waibel besuchte acht Jahre lang die Volksschule und wurde aus der 7. Klasse entlassen. Während seiner Schulzeit wanderte er durch verschiedene Erziehungsheime.

Der intelligente Junge begann dann eine Lehre als technischer Zeichner. Die Lehre war beendet, als der Junge zum zweitenmal straffällig wurde. Danach arbeitete er vor allem als Bauhilfsarbeiter.

Vor fünf Jahren, als Waibel wieder einmal in Frankenthal vor Gericht stand, hatten die Richter von dem Angeklagten die Nase voll. Sie verurteilten ihn zu vier Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Der Grund: Waibel war in betrunkenem Zustand in eine Gastwirtschaft eingestiegen und hatte dort in einen Schwartenmagen gebissen und das Angebissene wieder ausgespuckt ("So was Verdorbenes wagen sie einem nicht einmal in der Haftanstalt vorzusetzen").