Von Wolfram Siebeck

Moskau, im Dezember

Das Fehlen meines Sohnes Igor bitte ich wegen Unpäßlichkeit zu entschuldigen."

Was dem Moskaureisenden sofort und geradezu wohltuend auffällt, ist das Fehlen all dessen, was wir unter Konsum verstehen. Die ständige Verführung durch marktschreierisch präsentierte Angebote, die endlosen Informationen über Neuheiten, letzte Modelle – all dieser Schwachsinn ist plötzlich verschwunden. Man empfindet das – zumindest in den ersten Tagen – wie die Befreiung von einer Belästigung.

Natürlich weiß man, daß das alles nicht aus Einsicht weggelassen wurde, sondern wegen wirtschaftlichen Unpäßlichkeit fehlt. Dennoch, nach den hysterischen Weihnachtseinkäufen im Westen ist es erholsam, hier zu sein.

Was einem als nächstes auffällt, ist die unbeschreibliche Dürftigkeit der Zeitungskioske. Die Vielfalt unserer Druckerzeugnisse, einschließlich der Regenbogenpresse und der Pornoproduktion, die noch das ausgefallenste Bedürfnis, sich informieren zu lassen, von wem, und unterhalten zu werden, wie man will, befriedigen kann: Hier gibt es nichts dergleichen. Nur die unvorstellbare Öde der Parteizeitungen mit den endlosen Meldungen über Produktionssteigerungen in diesem und jenem Stahlkombinat, dargeboten in einer langweiligen Aufmachung, die sogar einen Kohlkopf, den man darin einwickelte; vor Trübsinn verwelken ließe. Man begreift die große Bedeutung des Sports in der Sowjetunion: Was, außer dem Sportteil, kann man hier schon mit Interesse lesen! Lyrik, natürlich. Wer Lyrik produziert, ist fein raus. Auflagen bis in die Millionen und ein eigener Club in der Worowkowostraße 52.

"Meine Anwesenheit beim letzten Bunten Abend im Schriftstellerclub bitte ich wegen Unpäßlichkeit zu entschuldigen. Igor, Poet."