Von Dieter Buhl

Nelson Rockefeller wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge, nachdem er als 41. Vizepräsident der Vereinigten Staaten vereidigt worden war. Endlich waren die Monate qualvoller Ungewißheit für ihn vorbei. Endlich war er seinem Traumziel näher gekommen. Das Weiße Haus hat Rockefeller viele Jahre fasziniert. Jetzt ist er zumindest im Vorhof präsidialer Macht angelangt, in einer Position, die nur "einen Herzschlag" vom Präsidentenamt entfernt ist.

Mit Rockefeller hat der personifizierte Reichtum in Washington Einzug gehalten. Wie schwer es den Amerikanern fiel, einen Krösus als zweiten Mann zu akzeptieren, haben die Anhörungen im Kongreß gezeigt. Mögen bei den Untersuchungen auf dem Kapitol auch Neid, Beckmesserei und parteipolitischer Eigennutz im Spiel gewesen sein, die zentrale Frage war immer: Wohin wird es führen, wenn sich ungeheurer wirtschaftlicher Einfluß mit politischer Macht vermählt? Wird nach der Wirtschaft nun auch der Staat zur Spielwiese der Rockefeller-Dynastie?

Nelson Rockefeller hat die Frage mit der Unbefangenheit des geborenen Superreichen beantwortet. Nur der Enkel des ersten Dollarmilliardärs konnte ohne Scheu darauf hinweisen, daß ihm "zehntausend Dollar soviel bedeuten wie anderen zehn". Nur der Sproß aus Amerikas berühmtestem Geldadel konnte glaubwürdig versichern, daß er "mit dem Handikap des Reichtums so fertig geworden" sei, "wie andere die Hypotheken der Armut überwinden". Für viele Abgeordnete kam mit Rockefeller ein Plutokrat auf den Prüfstand. Die überwältigende Mehrheit, mit der beide Häuser des Kongresses für ihn stimmten, zeigt an, daß er den Test als integrer und überzeugender Politiker bestanden hat.

Der Einzug des Multimillionärs und ehemaligen Gouverneurs von New York in die Administration Gerald Fords stellt die politischen Traditionen auf den Kopf. Bisher holten die Etablierten sich Politiker der zweiten Garnitur an ihre Seite. Franklin D. Roosevelt hievte den unbekannten Harry Truman auf die nationale Bühne, der Nationalheld Eisenhower entschied sich für Richard Nixon, der glanzvolle John F. Kennedy wählte den texanischen Haudegen Lyndon Johnson und Richard Nixon katapultierte Spiro Agnew aus der Anonymität ins Rampenlicht. Jetzt fällt mit Rockefeller urbaner Glanz auf das Regime Fords, das bisher vom provinziellen Zuschnitt Grand Rapids’, Michigan, bestimmt war.

Rockefellers Weitläufigkeit und politische Erfahrung gibt denen Hoffnung, die von der Durchschnittlichkeit Gerald Fords enttäuscht sind und angesichts der wirtschaftlichen Misere sehnsüchtig auf einen Krisenmanager warten. Schon wird ein umfangreicher Aufgabenkatalog für den Stellvertreter zusammengestellt. An "Rocky", dem stämmigen Mann mit breiten Schultern und sonorer Stimme, sollen sich die innenpolitischen Sturmfluten brechen. Der joviale Patriarch, der "grandios" und "wundervoll" ausruft, wenn andere sich mit einem schlichten "o. k." begnügen, soll die Wirtschaft an ihre Verantwortung mahnen und die Gewerkschaften in ihren Forderungen bändigen. Bleibt nur eine Voraussetzung: daß Ford seinen "Vize" nicht aufs Abstellgleis schiebt, wie das andere Präsidenten vor ihm getan haben.

Kein Zweifel, daß Rockefeller für schwierige Aufgaben gewappnet ist. Selten zuvor war ein amerikanischer Politiker besser auf nationale Pflichten vorbereitet. Er hat als stellvertretender Staatssekretär für lateinamerikanische Fragen im State Departement und als Unterstaatssekretär im Gesundheitsministerium Regierungserfahrung gesammelt. In den 15 Jahren als Gouverneur des Staates New York hat er politische Tatkraft unter Beweis gestellt. Unter seiner Ägide wurden in dem Ostküstenstaat gewaltige Sozialprogramme verwirklicht, wurden die Integration der Rassen und der Umweltschutz vorangetrieben.