Von Rudolf Herlt

Der Westfälische Friede war erst 26 Jahre alt, als Benjamin Metzler, Buchhalter in der Frankfurter Tuchhandlung Sebastian Schweitzer, Katharina Weyl heiratete. Am Tage der Heirat gründete er, wie es in den bürgerlichen Familien der Zeit üblich war, eine Handlung für Tuche und Spezereien. Das war die Keimzelle des Frankfurter Bankhauses B. Metzler seel. Sohn & Co, das in diesen Tagen seines dreihundertjährigen Bestehens gedachte. Feiern mochte die Familie den Geburtstag nicht, einmal wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, zum anderen aber auch deshalb, weil sich die Familie nicht allzu wichtig nehmen möchte.

Wie kann ein Familienunternehmen dreihundert Jahre lang Erfolg haben? Benjamin hatte bei der Wahl seines Standorts eine glückliche Hand. Die Messestadt Frankfurt war nach Frankreich und Holland orientiert. Die merkantilistische Handelspolitik, die in Frankreich mit dem Colbertschen Zolltarif begann, wurde bald auch von Österreich übernommen. Die Ausfuhren veredelter Fertigwaren aus Frankreich wurden gefördert, die Einfuhren gedrosselt. Davon profitierte das Warenangebot des Frankfurter Messehandels. Aus Lyon kamen Seidenwaren, aus Paris Galanterie- und Modewaren, Battiste und feine Stoffe aus Nordfrankreich.

Aber die Vorherrschaft im Welthandel war auf Holland und England übergegangen. Aus Amsterdam kamen Spezerei-, Farb- und Materialwaren, Leydener Tuche, Leinwand und Kattune. Mit dem aufstrebenden London wurde der Handel von Frankfurt aus über Bremen und Hamburg abgewickelt. Das Metzlerische Handelsunternehmen hatte im Laufe der Zeit immer neue Funktionen zu übernehmen: Der Handel verlangte den Transport, der Transport die Transportkostenversicherung und die Spedition, aus Kreditwünschen der Kunden ergaben sich Finanzierungsaufgaben, Wechselgeschäfte und schließlich alle anderen Bankgeschäfte. Diese Koppelung von Waren- und Geldgeschäft in einem Leistungsverbund ist für die Entwicklung der meisten deutschen Privatbankiers typisch.

Bei Metzler ist die Entwicklung zum Bankgeschäft erst 1760 abgeschlossen. Die Notwendigkeit, über die Bonität der Kunden informiert zu sein, rückte in den Vordergrund. Der entscheidende Durchbruch aber gelang mit den erster. Emissionen von Anleihen durch Friedrich Metzler. Durch seine Heirat mit Susanne Fingerlin, die einer wohlhabenden Ulmer Tuchweberfamilie entstammte, wuchs das Vermögen der Familie Metzler beträchtlich. Mit Hilfe dieses Vermögens konnte Friedrich Metzler das Staatsanleihegeschäft entwickeln.

In Frankreich war die Revolution ausgebrochen. Goethe schrieb seinen "Faust", Mozart "Die Zauberflöte". Friedrich Metzler wird zum Leibbankier Ferdinands IV., des Königs beider Sizilien, ernannt. In Offenbach erwirbt er ein Haus und läßt es großzügig und luxuriös ausbauen. Er wollte eine Stätte schaffen, die dem Repräsentationsanspruch der Familie und des Bankhauses genügen konnte.

Die Liste der Gäste dieses Hauses nennt illustre Namen. Goethe, der Familie Metzler Zeit seines Lebens treu verbunden, hielt sich öfter dort auf. Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, Ernst-Moritz Arndt und der Freiherr vom Stein gehörten zu den prominenten Besuchern. Das Haus in Offenbach wurde zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.